X-beliebige saure Gurken

So viele Möglichkeiten… Welche werde ich wählen? Und was sagt das über mich als Menschen aus? Werde ich mich als der traditionelle, bodenständige Typ erweisen? Oder bin ich doch eher feurig-passioniert und bereit, das damit verbundene Risiko einzugehen? Gibt es einen Kompromiss zwischen Altbekanntem und neuen Wegen? Sollte ich versuchen, zweigleisig zu fahren?

Es ist Donnerstagabend und der Entscheidungsdruck sitzt mir in den Schläfen. Ich stehe im Supermarkt vor dem Regal mit Gewürzgurken. Gewürzgurken – als ob es so etwas Einfaches noch gäbe! Vor mir reiht sich Glas an Glas zu einem Regalmeterbreiten Potpourri der Größen, Farben, Formen, Herkünfte und Geschmäcker.

Die geerdete Spreewaldgurke schielt verunsichert zu ihrem exotischeren Nachbarn, dem Schlemmertöpfchen mit pikanter Chili-Knoblauch-Note. Süß-sauer kannte ich ja – scharf-sauer ist neu. Oder vielleicht lieber die zierlichen französischen Cornichons? Ganze Gurke oder Scheiben, möglicherweise sandwichfertig gesliced? Mit Schale oder ohne, wie die gelbgrünlich schimmernden Schlesischen Gurkenhappen?

Ich fühle mich leicht überfordert, hin und wieder habe ich einen dieser fröhlich staunenden „Ach!“-Momente. Was es nicht alles gibt! Was man nicht alles haben kann!

Andererseits… Seien wir einmal ehrlich: Im Grunde sind das alles nur Gurken, nichts als saure Gurken. Je nach Perspektive eröffnet sich uns eine Palette ungeahnter Möglichkeiten – oder wird uns dasselbe in grün bloß reizvoll als solche verkauft.

Ich frage mich, ob es mit der Wahl unserer Leben nicht ganz ähnlich ist.

Überall heißt es, sämtliche Zeitschriften, Werbungen, Fernsehsendungen und selbsternannte Berater verkünden es: Alles ist möglich, du kannst alles haben und sein, was du dir nur wünschst! Was auch immer dem modernen Menschen durch den Kopf schießt, kann er auch realisieren, wenn er nur will. Wir haben die uneingeschränkte Wahl zwischen diversesten Lebensentwürfen, und genau darin besteht unsere (mal bejubelte, mal verteufelte) Freiheit.

Aber ist das so?

Ich werde diesen einen Verdacht nicht los: dass unser Repertoire an erstrebenswerten – oder auch nur sozial zulässigen – Lebensweisen recht überschaubar ist. Dass das Rauschen der Vielzahl an Möglichkeiten deren mangelnde Vielfalt übertönt.

Kann ich als mehrfache Mutter so leicht richtig Karriere machen wie als Vater? Oder ohne größere Widerstände als Mann mit meinem Lebenspartner unsere gemeinsame Tochter großziehen?

Kann ich mich problemlos für die Arbeit als Prostituierte entscheiden, so wie ich eine Stelle als Spitzenmanagerin oder Erzieher anstreben kann?

Kann ich dick und glücklich und stolz auf meinen Körper sein?

Kann ich ebenso stolz und freudig jedem von den Partner*innen in meinem polygamen Beziehungsnetz erzählen wie es monogam lebende Heterosexuelle über ihren Partner oder ihre Partnerin tun??

Kann ich ohne Weiteres ein intersexueller Mensch sein, so wie ich ein Mann oder eine Frau sein kann? Kann ich ein Mensch sein, der nicht über sein Geschlecht definiert wird?

Geht alles einfach so, oder geht doch manches „einfach soer“ als vieles, vieles andere?

Kann ich ganz leicht alles tun, was ich will? Und vor allem: Kann ich ganz leicht alles wollen, was ich will?

[Für die Fortgeschrittenen unter den Grübelfüchsen gibt es noch eine Zusatzfrage: Einmal angenommen, wir besäßen tatsächlich diese nahezu totale Uneingeschränktheit und radikale Beliebigkeit der Lebensentwürfe, wie sie in der Legende vom (post-)modernen Menschen besungen wird. Wäre das Freiheit?]

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