Vorher – Nachher

Seid ihr heute auch schon in den Social Media eures Vertrauens über etwaige fotografische Wandlungs-Zeugnisse gestolpert, a.k.a. Vorher-Nachher-Bilder? Wenn nicht, muss heute ein besonderer Tag sein. Oder bekomme nur ich so viele davon zu Gesicht?

Was diese Bilder uns vor Augen führen, ist dabei stets das Gleiche: Auf der linken Vorher-Seite sehen wir einen übergewichtigen oder auch nur nicht 100% gertenschlanken Menschen – die rechte Nachher-Seite lässt uns selbigen sämtlicher „überflüssigen“ Pfunde entledigt entgegenstrahlen. Ist der Mensch ein Mann, gibt es auch die Variante „vorher spindeldürr – hinterher Blockbuster-heldenhaft muskulös“.
Mit anderen Worten: Diese Bildungsromane in Foto-Form schildern uns die Reise von einem nicht ganz so idealen zu einem den gängigen Schönheitsnormen entsprechenden Körper.

Vor nicht allzu langer Zeit entdeckte ich bei Facebook ein Vorher-Nachher-Bild, das gegen dieses wohlbekannte Muster bewusst verstoßen hat. Es zeigte vorher eine dicke Frau – und nachher ebenfalls eine dicke Frau. Es hatte sich nichts oder nicht viel verändert, jedenfalls nicht sichtbar.

Im ersten Moment hielt ich das für eine witzige Idee. Je öfter ich nun daran denke, und das kommt immer wieder einmal vor, desto genialer finde ich die Aktion.

Ich gestehe: auch ich tue momentan einiges für mehr Muckis, mehr Kondition und weniger Fett. Insofern will ich überhaupt nicht gegen einen gewissen Fitness-Ehrgeiz unken. Auch mit einer moderaten Dosis Oberflächlichkeit und Narzissmus kann ich prima leben. Ich kann mir ohne Weiteres vorstellen, selbst irgendwann stolz meine körperlichen Veränderungen im Bild festzuhalten und zu teilen. Was mich stört oder zumindest stutzig macht, muss also irgendetwas anderes sein.

Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass die Aussage hinter Vorher-Nachher-Bildern oft eben nicht einfach lautet: „Liebe Leute, hiermit teile ich euch mit, dass ich mich durch Training und eine veränderte Ernährung der herrschenden Körpernorm angenähert habe.“ Oder meinetwegen auch: „Ey geil, ich seh jetzt „besser“ aus!“ Vielmehr wird damit behauptet, dass die betreffende Person dank Training und veränderter Ernährung ein wesentlich besseres Leben führt, ja geradezu ein besserer Mensch geworden ist.
Was unter Umständen dann auch die Message impliziert, dass sportlich, ernährungstechnisch und körperformmäßig „Andersgläubige“ zu den schlechteren Menschen zählen: „Ihr „Fetten“ da draußen bringt´s halt einfach nicht, ihr seid faul, ohne Selbstdisziplin und zurecht unglücklich!“

Ich finde, dem armen Sport wird ein bisschen zu viel Heilserwartung zugemutet. Manche von uns pilgern ins Studio wie andere Menschen auf dem Jakobsweg oder nach Mekka. Fitness ist kein allmächtiger Gott, der jegliches Unheil von denen abhält, die ihn möglichst fromm verehren. Gesund sterben ist nicht der Sinn des Lebens.

Das Traurigste, was ich jemals über Sport gehört habe, ist, dass er anti-depressiv wirkt. Ich weiß nicht, ob ihr nachvollziehen könnt, was ich meine. Mir ist diese Perspektive unheimlich, in der alles zur Flucht vor der scheinbar überall lauernden Krankheit gerät, genauso wie quasi-religiöser Eifer. Oder Sport als selbstverordnetes Erziehungsprogramm zur maximalen Leistungsfähigkeit. Wann ist Gehorsam eigentlich so hip geworden?

Wie wäre es stattdessen mit: Sport macht Spaß. Bewegung tut gut. Wenn wir schon tagsüber stundenlang wie festgenagelt auf dem Bürostuhl sitzen müssen, sollten wir wenigstens nach Feierabend die Gelegenheit nutzen, uns richtig austoben zu dürfen. Und bei all den faden Alltagsroutinen nicht die Chance verpassen, einmal unsere (physischen) Grenzen zu erproben. Wär jetzt so mein Gegenvorschlag zur Galeeren-Sichtweise.

Wie ihr merkt, halte ich sportlich (und warum auch nicht, schlank) sein bzw. werden für ein cooles Ziel. Aber es ist nicht das einzige Ziel, nicht das wichtigste im Leben – und ganz sicher kein Glücksgarant.

Manchmal träume ich daher heimlich von einer Flut von Vorher-Nachher-Bildern der etwas anderen Art, die über die diversen Netzwerke schwappt. Bilder, die uns auf einen Blick alternative Entwicklungs-Stories hin zum Glück vermitteln und so die üblichen Fotos mit ihren impliziten Botschaften relativieren.

Wie sich das konkret gestaltet, könnte natürlich stark variieren.

Ich könnte mir z.B. Schnappschüsse vorstellen, die auf der Nachher-Seite jemanden sich stolz zeigen lassen, der oder die sich gemessen an den gängigen Idealen eher nachteilig entwickelt hat, etwa dicker geworden ist oder faltiger oder weniger geschlechtskonform. Der oder die sich aber so viel wohler in seiner oder ihrer Haut fühlt. Womöglich weil die betreffende Person den Druck losgeworden ist, an diesem ganzen Schönheits-Zirkus in seiner verbreiteten Definition partizipieren zu müssen.

Vielleicht hat der gezeigte Mensch aber auch nicht seine Physis, sondern seinen Look, seine Klamotte, Schminke, seinen Stil verändert. Und dadurch eine Möglichkeit gefunden, die eigene Persönlichkeit treffender nach außen hin sichtbar zu machen.

Oder es ist eher der Ausdruck, die Haltung, die anders geworden sind.

Überhaupt: vielleicht könnten wir mehr Menschen vertragen, die einfach anders, nicht unbedingt „besser“ geworden sind.
Sich selbst im Laufe der Zeit anders ausbuchstabieren, neu entdecken, statt sich permanent optimieren müssen. Sich selbst auch einmal überraschen mit dem, was man bisher noch nicht war, aber möglicherweise auch ist. Auch mal abweichen, vom bisherigen Ich, von der Massentauglichkeit. Statt sich zu einem einzig „authentischen“ Selbst zu bekehren, das komischerweise bei sämtlichen Menschen eine verdächtige Ähnlichkeit mit He-Man (oder She-Ra) und die Leistungsmentalität eines Duracell-Häschens hat.

Es gäbe sicher viele tolle Vorher-Nachher-Ideen. Habt ihr noch mehr?

Sehr gut vorstellbar wären auch Nachher-Fotos, deren Optik sich nicht oder kaum von den Vorher-Fotos unterscheidet, wie bei der Dame, die mich zu diesen Gedanken angeregt hat.
Weil eben selbst in unserer reich bebilderten Zeit die tiefgreifendsten Veränderungen nicht unbedingt am Aussehen hängen.

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Mythen und Märchen im deutschen TV #2: Don Quijote de Mallorca (Jens Büchner aus Goodbye Deutschland)

Prolog

An einem Orte irgendwo in Sachsen, an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann, lebte noch vor nicht allzu langer Zeit ein deutscher Durchschnitts-Mann: mittelalt, mittelgroß, mittelschlank, mittelsympathisch, mittelviel Haupthaar. Wer ihn in seiner Heimat auf der Straße sah, dem hätte an ihm nichts allzu Besonderes auffallen können. Aber seine Mitmenschen und auch solche, die ihn nie gekannt hatten oder ansonsten nie kennengelernt hätten, sollten ihn bald aus der Ferne ganz anders zu sehen bekommen…


Auf ins Glück!

Der Don Quijote, von dem hier die Rede ist, heißt mit bürgerlichem Namen Jens Büchner. In seiner sächsischen Heimat arbeitete er als Finanzwirt, hatte eine Frau und zwei Töchter, die sozusagen aus dem Gröbsten heraus waren. Alles in allem ein geregeltes Leben, aus dem er jedoch auszubrechen beabsichtigte. Auf das meeresumwogt ferne und doch qua 17. Bundesland den Deutschen scheinbar so nahe Eiland Mallorca sollte ihn nun ebenso dringlich wie relativ plötzlich sein weiterer Lebensweg führen.

Das vordergründige Motiv dieses radikalen Umbruchs war die Beziehung zu einer Frau, und der Wunsch, mit dieser den Rest seines Lebens zu verbringen. Jens hatte sich unsterblich in seine um die 20 Jahre jüngere Kollegin Jenny verliebt, mit der er, der verheiratete Mann, heimliche Turtel-Urlaube auf Mallorca genoss. So blitzartig erwischte ihn Amors Pfeil, dass er bald beschloss, sein bisheriges Leben in jeder erdenklichen Weise hinter sich zu lassen: neue Frau, neuer, nie zuvor ausgeübter Job als Boutiquen-Besitzer, neuer Wohnsitz. Dass für letzteren nur eben jenes Mallorca, Sehnsuchtsort und Ziel der ersten gemeinsamen Liebesfluchten, infrage kam, war Jens und Jenny von vornherein mit der ganzen Wucht der Irrationalität klar. Mallorca, quasi die letzte Ausfahrt vor Utopia.

Soweit die offizielle Begründung für diesen gewagten Schritt. Ein kleines, aber bedeutsames Detail kann uns allerdings auf die Fährte des eigentlichen Motivs lenken: Jens lässt sich bei seiner Auswanderung vom Kamera-Team der beliebten VOX-Serie „Goodbye Deutschland“ begleiten.

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Was Jens denn wirklich dazu bewegte, sich auf die Reise in eine für ihn neue Welt zu begeben, fragt ihr euch? Nun: Er hatte eindeutig zu viele Glücksritter-Sendungen im Fernsehen gesehen. Geschichten von Menschen, die es, begleitet und gepusht vom TV, vermeintlich zu Ruhm, Ehre und Vermögen gebracht hatten. So sehr hatten diese Stories seinen übermäßig fantasievollen Geist korrumpiert, dass er sich irgendwann in seinem Innersten selbst als einer ihrer Helden wähnte.

Auswandern also. Ja, das schien ein guter Auftakt für Jens´ ganz eigene Geschichte zu sein, und so war es auch:
Gerne folgten Kamera-Team und Zuschauer*innen den erwartbar unerwarteten Turbulenzen der ersten Zeit. Die Balearen-Insel stellte für Jenny und vor allem Jens so manche Hürde auf, die es mit dem Fernsehen im Rücken zu überwinden galt. Dass diese Spanier*innen auf den Ämtern und in den Läden Mallorcas aber auch alle spanisch sprechen müssen! Kein Wort deutsch sprechen die mitunter! Beinahe so wenig deutsch wie Jens spanisch spricht. Und wer hätte denn vorher divinieren oder sich gar irgendwie darüber informieren können, dass im Winter auf Malle geschäftlich tote Hose ist und man daher den Sommer über das Geld für das gesamte Jahr verdienen muss? Überhaupt ist das nahezu unverschämt schwierig so eine Boutique in die Gänge zu bringen, wenn man es noch nie gemacht und null Ahnung von Selbstständigkeit, spanischer Bürokratie oder Mode hat…

Aber, allen Widrigkeiten zum Trotz, schien es zu klappen mit dem jungen Glück. Jens hatte mit Jenny inzwischen einen kleinen Sohn, die Boutique wurde eröffnet und lief, auch „Goodbye Deutschland“ sei Dank, gar nicht mal so schlecht an, Malle hielt, was es an Sonnenschein versprochen hatte. Als krönenden Höhepunkt sahen die geneigten Zuschauer*innen Jens schließlich seiner Jenny ganz romantisch in einer Bucht einen Heiratsantrag machen, den sie selbstredend mit Tränchen in den Augen annahm.

 

Krisis und Kurskorrektur

Happy end am Sonnenstrand, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch so weiter? Oh nein. Jens´ Geschichte sollte einen komplett anderen Verlauf nehmen.

Wir werden Zeuge, wie irgendwann recht plötzlich in diesem aufkeimenden Idyll eine Krise über Jens hereinbricht, und zwar dem ersten Anschein nach eine gesundheitliche. Jens glaubt sich krank, todkrank möglicherweise. Er hat Atembeschwerden, kriegt immer wieder kaum noch Luft. Er lässt sich vom Arzt untersuchen, der glücklicherweise nichts Ernstes findet. Puh, Schwein gehabt, weiter geht´s, nach diesem Schock mit noch mehr Elan und Lebensfreude, könnte man meinen.

Aber dieser Krisenmoment scheint etwas in Jens ausgelöst zu haben bzw. nur der Höhepunkt einer schon länger andauernden Entwicklung zu sein. So harmonisch, wie die Zuschauer*innen glaubten, war es bei Jens und Jenny dann offenbar doch nicht. Jens´ neueste hypochondrische Arien werden Jenny nun vollends zu theatralisch, sie hat es satt, im wahrsten Sinne des Wortes alleine das Kind schaukeln und den Laden schmeißen zu müssen. Da kann sie auch gleich Single sein, dann muss sie wenigstens nicht Jens´ Genöle ertragen. Und so kommt es, dass das Auswanderer-Traumpaar Jens und Jenny sich trennt.

Jens´ Krise ist natürlich hochgradig symbolisch. Sein physisches Überleben mag zwar nicht auf dem Spiel stehen – in seinem Unbewussten fühlt er sich jedoch in seiner TV-Glücksritter-Existenz bedroht. Eine gelungene Auswanderung, die in ein zufriedenes, ruhiges Leben mit Frau und Kind mündet, wer will das schon auf die Dauer im Fernsehen anschauen? Gut, den einen oder anderen Rückschlag gibt es immer, inklusive erneutem sich-Hochkämpfen. Aber sonst? Langweilig! In seinem tiefsten Inneren erdrückt Jens diese Aussicht. Die Banalität dieser neuen Alltäglichkeit nimmt ihm die Luft zum Atmen.

Die richtig guten Glücksritter-Stories sehen anders aus, das weiß doch jede*r. Wahre Glücksritter folgen einer künstlerischen Berufung, und wenn es auch nur die Berufung zum Lebenskünstler ist. Dass Jens eine Veranlagung gerade zu Letzterem in sich spürt, stellt er bald eindrucksvoll zur Schau.

 

Abenteuerliche Arabesken: Don Quijote meets Don Juan

Nachdem Jens bei Jenny ausgezogen ist, startet er ein Himmelfahrtskommando nach dem anderen. An Ideen mangelt es ihm wahrlich nicht. Je bekloppter, desto besser – mein persönliches Highlight: der Verkauf eines ganz besonderen Schmankerls unter den Jens-Fan-Artikeln, namentlich ein Briefbeschwerer, der von Jens´“hocherotischem“ (Büchner über Büchner) Konterfei geziert wird. Wer will so etwas eigentlich nicht auf dem Schreibtisch stehen haben?!? Je vernünftiger ein Projekt, desto weniger Chancen hat es, dauerhaft realisiert zu werden. Einen Kellner-Job etwa, den ihm mitfühlende Menschen anbieten, damit er irgendwie über die Runden kommt, lässt er nach wenigen Tagen sausen, ohne die betreffenden Chefs darüber zu informieren. T-Shirt-Kollektion, Restaurant-Leitung, Moderation eines „Mr Beach“-Wettbewerbs, schließlich die neue alte Idee, eine eigene Boutique zu eröffnen (rein zufällig gegenüber der Boutique seiner mittlerweile Ex Jenny)… vieles geht, nichts geht lange.

Ein nicht unbedeutender Teil der Abenteuer, in die er sich dabei stürzt, sind Liebes-Abenteuer. Unser Don Quijote besitzt durchaus Don Juan-Qualitäten; gefühlt alle zwei Wochen erobert er das Herz einer neuen Frau im Sturm. Diese Damen sind allesamt deutlich jünger, wesentlich besser aussehend und bereit, für Jens alles aufzugeben.

Die Frage, die mich schon im Hinblick auf die (ebenfalls viel jüngere, nicht auf den Kopf gefallene, sehr gut aussehende, große und schlanke) Ex-Verlobte Jenny umtrieb, stellt sich mir, wie wahrscheinlich allen Frauen liebenden Männern vor dem Bildschirm, erneut und immer wieder: Warum??? Wie macht der das bloß? Jens ist alles andere als ein Model. Er hat weder Geld noch Macht. Er will die Welt nicht mit bahnbrechenden Ideen oder Idealen verändern, besitzt keinerlei funkelndes Genie. Ist das dann dieser berühmte Charme, von dem immer alle reden? Zugegeben – den hatte ich mir auch anders vorgestellt.
[Im Übrigen ist es mir ein absolutes Rätsel, wieso Jens noch nicht die Eingebung hatte, Flirt-Seminare anzubieten. Bescheuerter als das, was er sonst schon alles ausprobiert hat, wäre das nun wirklich nicht.]

Jens´ stürmische Beziehungen verlaufen stets nach dem auch schon von der Jenny-Story bekannten Muster: Am Anfang verknallt er sich „heftig“ („Mit der xy… das ist schon… heftig!“ hören wir ihn ein ums andere Mal sagen), kann sich „alles vorstellen“ und spürt dementsprechend den Drang, sein ganzes Leben umzuschmeißen. Wie einen Teenie lässt ihn die jeweils angebetete Dulcinea im Liebesreigen taumeln und alles andere (Termine, Geschäfte, den kleinen Sohn…) vergessen. Doch Wolke 7 produziert eher früher als später heftige Gewitter; ein seifenoperreifes Spektakel aus Enttäuschung, Zoff, Tränen und Wut lässt nie lange auf sich warten.

Das hat unser Traum-Insulaner nun von seinem glorreichen Ritt ins Abenteuer, Pech im Spiel, Pech in der Liebe, während seine daheimgebliebenen Angehörigen sich resignierend damit abzufinden versuchen, dass er wohl den Verstand verloren hat. Jens wirkt auf sie wie ein Getriebener. Ständig scheint er gegen irgendetwas anzukämpfen. Es können eigentlich nur imaginäre Riesen sein.
Wie er so vor der Kamera sitzt, das zerknitterte Hemd immer weiter aufgeknöpft, die Augenränder unter dem müden Hundeblick immer größer werdend, und sich selbst langsam als Gestrauchelten begreift, ist er wahrhaftig ein Ritter von der traurigen Gestalt.

 

Durchbruch durch ein gebrochenes Selbst

Man könnte also denken: Jens ist kläglich bei dem Versuch gescheitert, in die Fußstapfen der von ihm verehrten Glücksritter zu treten. Wer so denkt, hat allerdings den entscheidenden Twist verpasst. Denn in Wirklichkeit wird Jens, indem er vom Fernsehen begleitet kläglich bei dem Versuch scheitert, in die Fußstapfen der von ihm verehrten Glücksritter zu treten, durch diese Story selbst erfolgreich zum Glücksritter.
Beredter Ausdruck dieses schwindelerregend paradoxen Faktums: Jens feiert seinen endgültigen Durchbruch als „Künstler“ mit einer Spelunken-Hymne, deren Refrain „Geld weg, Frau weg, Laden weg – schallalala alles weg! Geld weg, Frau weg, Laden weg – ich bin pleite, aber sexy!“ lautet.

Die Menschen kennen ihn, sie haben seine Abenteuer bei „Goodbye Deutschland“ verfolgt. Begeistert sprechen sie ihn darauf an. Mehr noch, sie lieben ihn geradezu. Sie wollen Autogramme, sind ihm zugetan und machen ihm – obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten – die tollsten Angebote. Mindestens ebenso wichtig wie die Leute, die ihn mögen, sind die nicht minder vielzähligen, die ihn so richtig sch…recklich finden, weil er somit die Nr.1 Top-Qualität eines richtigen TV-Helden besitzt: er „polarisiert“.

An diesem Punkt wird es Zeit für einen im Grunde längst überfälligen Sancho Panza. Fortan steht dem eher gedrungenen Jens daher ein gigantisch langer Mensch mit dem sinnigen Spitznamen „Hightower“ zur Seite. Dieser gutmütige Riese macht den Job des Bodyguards und Kindergärtners sicher nicht, weil er unseren Ballermann-Barden für einen aussichtsreichen Entertainer hält. Vielleicht braucht er das Geld. Vor allem aber denke ich, dass er denkt: Man wird Jens niemals vor dem Schlimmsten (sich selbst) bewahren können, womöglich aber vor dem Zweit- bis Zweitausendschlimmsten (den vielen kleinen und großen Kollateralschäden des Jens-Seins). Wenn er sich z.B. partout nicht davon abbringen lässt, sich in der ein oder anderen Höhle des Löwen der Bestie namens Publikum zum Fraß vorzuwerfen, dann kann man zumindest Letzteres davon abhalten, ihn mit Bierflaschen zu erschlagen. Es reicht, wenn sie ihm den blanken Hintern oder den Stinkefinger entgegenstrecken.

Betrachtet man also noch einmal von Neuem, dieses Mal durch das mehrfach gebrochene Objektiv der „Reality“ TV-Erzählweise, wie Don Jenser seinen Weg macht, bleibt als Urteil unterm Strich: das Stolpern und auf-die-Nase-Fallen läuft.

 

Wende ins Beschauliche durch die wahre Liebe?

Oder liefe. Wenn nicht ausgerechnet jetzt, wo wir nur das Abenteuerlichste von unserem Helden erwarten, der gute Jens uns erneut ein Schnippchen schlagen würde. Ein Schnippchen hin zu etwas, womit wir bei ihm wirklich am allerwenigsten gerechnet hätten, nämlich Bodenständigkeit. Klar, Bodenständigkeit in einer ganz eigenen Jens-Interpretation des Begriffs, aber dennoch.

„Schuld“ ist, mal wieder, eine Frau. Eine Frau, von der wir erst einmal recht lange nichts erfahren, weil er sie nicht gleich mit vor die Kamera zerrt. Und das, obwohl die beiden sich buchstäblich vor den Augen des Kamera-Teams kennengelernt haben, bei einem Auftritt des sächsischen Sängerknaben im denkwürdigen Delmenhorst. [Guck mal RTL, ich kann auch Alliteration!] Dort sprach die zukünftige Frau an seiner Seite ihn mit dem großartigen Unflirt-Spruch an, sie finde ihn „Scheiße, aber mutig!“ Einen besseren Auftakt für eine Romanze kann es kaum geben. Und so nahm das Schicksal denn auch seinen Lauf.

Heute lebt besagte Herzensdame, im Folgenden „Daniela“ genannt, mit ihrem Jenser auf Mallorca und erwartet nicht nur ein Kind von ihm, sondern gleich Zwillinge. Rafft man die Jens-und-Daniela-Story dergestalt, klingt sie zunächst nach dem üblichen Irrsinn. Eine Prise davon darf auch nicht fehlen, schließlich handelt es sich immer noch um Jens Büchner, und pure Vernunft darf sowieso niemals siegen.

Aber, aber, irgendwas ist anders… Vermeintliche Kleinigkeiten, die sich zu einer ernstzunehmenden Veränderung summieren.

Daniela unterscheidet sich von ihren Vorgängerinnen in einem zunächst oberflächlich anmutenden Punkt. Sie ist Jens altersmäßig um einiges näher, eine gestandene Frau mit beiden Beinen auf der Erde. (Dass sie sich auf Jens einlässt, scheint dem zu widersprechen, aber Menschen sind eben wandelnde performative Selbstwidersprüche.) Bei ihr scheint es Don Juan-Jens Quijote nicht nur um das Äußere zu gehen. Sie ist nicht sein Statussymbol, das er von einer öffentlich ausgetragenen peinlichen Beziehungskrise in die nächste schubst. Vielmehr können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass sie ihn im Griff hat. Und dass er Gefallen daran findet. Selbst wenn das bedeutet, dass er sich auch einmal kümmern, unbequeme Dinge erledigen oder Verantwortung übernehmen muss. Etwa für Danielas drei Kinder, in die er sich gleich mitverliebt hat. So kannten wir ihn noch gar nicht, hatte er sich doch bisher vor der Verantwortung für die eigenen drei Kinder eher herumgedrückt.

Auch Jens 24/7 Rampensau-Verhalten ist nicht mehr dasselbe. Allein dass er Daniela so lange vor der Öffentlichkeit verschont hat, wirkt verdächtig. Außerdem mag er zwar weiterhin quatschige Aktionen bringen, z.B. sich anlässlich eines Badenixen-Beauty-Contests in einen Meerjungfrauen-Schwanz (heißt das so?) zwängen oder des Nächstens in einschlägigen Diskos schiefe Töne trällern.

Aber irgendwie scheinen sich seine Haltung dazu und seine Sicht darauf gewandelt zu haben. Das heitere Vagabunden-Dasein ist nicht mehr sein ganzes Leben, nicht mehr die für ihn einzig mögliche Existenzform, in der er vollkommen aufgeht. Statt mittendrin zu sein scheint er fast schon mit dem distanzierten Blick des Zuschauers auf seine eigene Performance zu schauen, ein bisschen so wie wir. Wenn er ins Flugzeug zu seinem nächsten Auftritt steigt, freut er sich schon darauf, nach Hause zu seiner immer größer werdenden Familie zurückzukehren. Er geht auf die Bühne wie andere ins Büro.

Ob Jens auf seine alten Tage klar wird, dass Glücksritter auch nur ein Job ist – ein immens anstrengender noch dazu?


Epilog

Dschungelcamp 2017 – Mallorca Jens Büchner ist dabei!

Wenn wir ehrlich sind, haben wir es doch alle geahnt: Stabilität und Bodenständigkeit ist Jens´ Sache nicht. Nun wissen wir es mit Bestimmtheit. Der Schleier seiner Unvernunft und vermarktbaren Narretei hat sich nicht gelüftet. Ein Glück für RTL!

Denn der krächzige Stolperbarde unserer Herzen nimmt ab diesem Freitag, dem 13. (ja, ernsthaft!) am „Dschungelcamp“ des Kölner Senders teil. Damit erklimmt er den Olymp des Glücksrittertums, zugleich Gipfel und Tiefpunkt einer nicht steil, dafür umso schräger verlaufenden C-Z-Sternchen-Karriere.

Sollte man ihm jetzt dazu gratulieren und ihm alles Gute im Kampf um die Krone des Dschungelkönigs wünschen?
Ein Sangesspruch des Don Jens höchstselbst scheint mir als Schlammschlacht-Motto da schon passender: „Augen zu und durch die Nacht!“

 

Der männliche Mann

Neulich bei „Bauer sucht Frau“:
Ein Bauer sucht… na was wohl? Keine Frau. Sondern einen Mann.

Das ist jetzt nichts Neues, es gab über die Jahre hinweg schon mehrere Männer suchende Bauern und eine Frauen suchende Bäuerin.

Der aktuelle Bauer Jeroen nun, ein „kerniger Schweizer“, wünscht sich so einen richtigen Holzfäller-Typen: „Ich suche einen Mann, der mindestens genauso männlich ist wie ich selbst.“
Irgendwie hat mir das zu denken gegeben.

Wenn ich mich recht entsinne, kamen die schwulen RTL-Bauern oft maskuliner daher als viele ihrer heterosexuellen Mitbauern. Besonders denkwürdig ist mir ein Landbursche im Gedächtnis geblieben, der seinen potenziellen Romeo ein Huhn mit der Axt köpfen ließ, um dessen männliche Tauglichkeit auf die Probe zu stellen. Auch bei der lesbischen Bäuerin bin ich mir zu 90% sicher, dass sie sich explizit nach einer (zumindest optisch) weiblichen Frau umgesehen hat.

Ich finde das zunächst mal aufrichtig super, wenn so mit gängigen Homo-Klischees gebrochen wird. Dass ein Mann schwul ist, sagt eben erst mal nur aus, dass er auf Männer steht. Und nichts darüber, wie sehr er so ist, spricht, aussieht, wie wir es gemeinhin für „männlich“ halten. Schwule Männer flöten nicht den ganzen Tag mit nasal hohen Stimmen im Fummel vor sich hin, während sie sich bei einem Sektchen die Nägel lackieren. Ist doch prima, wenn RTL dahingehend auch noch für den letzten Pfosten vor der Glotze Aufklärungsarbeit leistet.
Dasselbe gilt natürlich mutatis mutandis für lesbische Frauen, die mensch sich ebenso wenig als männerhassende, unästhetische Holzfällerhemdenträgerinnen mit Bürstenhaarschnitt vorzustellen hat.

Nebenbei wird außerdem noch mit der heteronormativen Vorstellung aufgeräumt, dass ein Paar notwendig und komplementär aus je einem weiblichen und einem männlichen Teil besteht – notfalls eben aus je einem weiblichen und einem männlichen Mann respektive je einer weiblichen und einer männlichen Frau. In einer schwulen Beziehung sind zwei Männer zusammen, niemand ist „die Frau“; in einer lesbischen Beziehung sind zwei Frauen zusammen, niemand ist „der Mann“. Klingt gar nicht so komisch und ist einfach so.

So weit, so prächtig. Aber als Jeroen über seinen Traumprinzen, den männlichen Mann, sprach, habe ich mich ehrlich gesagt bei dem Gedanken ertappt: „Meine Güte, heutzutage schützt einen nicht mal mehr schwul sein vor überzogenen Männlichkeitserwartungen.“

Ich will dem, was ich gerade geschrieben habe, nicht widersprechen. Sexuelle Orientierung und der Ausdruck des eigenen Geschlechts sind ganz klar zwei verschiedene Paar Schuhe. Nichtsdestotrotz scheint mir aber doch eine sogenannte „abweichende“ sexuelle Orientierung das Spektrum der Möglichkeiten zu erweitern, wenn es darum geht, wie jemand sein Geschlecht versteht und ausdrückt.

Wenn Schwule allein wegen ihres Schwulseins nicht für „richtige Männer“ gehalten werden, dann können sie auch gleich darauf pfeifen, krampfhaft irgendwelchen Klischees von Männlichkeit entsprechen zu wollen, die ihnen vielleicht herzlich wenig entsprechen. Wer weiß, vielleicht ist der Klischee-Schwule nicht so „unmännlich“, weil er „eben so ist“, sondern weil er es darf. Nach dem Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!“ Wer kann schon mit Bestimmtheit sagen, ob nicht viel mehr Männer divenhaft, glitzerglamourös oder was weiß ich nicht noch sein würden, wenn es nicht total verpönt wäre?

Aber ganz so easy peasy scheint das mit der Freiheit zur Tuntigkeit doch nicht zu laufen, eventuell besonders dann, wenn man(n) schwul ist. Der geläufigen Homo-Karikatur entgegen scheint sich der Männlichkeitsdruck unter Schwulen eher zu erhöhen. Das ist jedenfalls mein unqualifizierter Eindruck vom periphersten Rande des Geschehens. (Korrigiert mich bitte gegebenenfalls, ihr, die es besser wisst!)

Vor nicht allzu langer Zeit geisterten auch Artikel (oder Videos?) zu der Frage durchs Internet, ob homosexuelle Männer nicht im Schnitt eigentlich viel männlicher als heterosexuelle sind. (Wo war das noch?) Wundern würde mich das, wiederum aus meiner beschränkten Perspektive, nicht. Wenn ich an den einen oder anderen schwulen Bekannten denke, beschleicht mich der Verdacht: mit diesen Titanen der Maskulinität werde ich im Leben nicht mithalten können. Es ist zum Komplexe entwickeln… Während zumindest einmal Teile der Männer liebenden Herren offenbar auf kernige Kerligkeit bei sich und potenziellen Sexualpartnern insistieren, wirken die meines Wissens primär an Frauen interessierten Typen in meinem Bekanntenkreis, meine Wenigkeit mitinbegriffen und abgesehen davon, dass wir natürlich die Allerhärtesten sind, nun… fast schon eher: knuffig.

Ob die Betonung der Maskulinität, der steigende Männlichkeitsdruck auch etwas mit dem vermehrten Angekommen-Sein (oder Ankommen-Wollen?) in der Mehrheitsgesellschaft zu tun hat? Muss man(n), um „normal“ im Sinne von weithin akzeptiert zu sein – so normal, dass man massentauglich von RTL als flirtender Bauer angeheuert wird – auch notwendig den bestehenden Normen gehorchen bzw. sie verinnerlichen?

Alles Quatsch? Bisschen was dran?
Was meint ihr?

Jon Snow lebt

(Ich würde ja so etwas wie SPOILER-WARNUNG schreiben… Aber eigentlich dürfte es klar sein, dass ich spoilere bzw. ist der Titel allein schon Spoiler genug.)

Frei nach dem Motto „Besser spät als nie!“ möchte ich an dieser Stelle auch meinen Senf zum Thema Tod und Wiederauferstehung Jon Snows abgeben.

Nach „Home“, der letzten Folge von Game of Thrones, gab es so etwas wie ein kollektives Aufatmen der Fan-Gemeinde:
Jon Snow, Ned Starks Bastard-Sohn und Lord Commander der Nachtwache, ist wirklich gestorben, ja, aber er wird durch den Zauber der roten Priesterin Melisandre wiedererweckt und kehrt so aus dem Reich der Toten zurück ins Leben.

Die Macher von „Game of Thrones“ sind wie George R.R. Martin, Autor der dieser Serie zugrundeliegenden Roman-Reihe „A Song of Ice and Fire“, grausame Götter: Sie sind bekannt dafür, vom Publikum geliebte, zentrale Figuren in den unerwartetsten Momenten fürchterliche Tode sterben zu lassen. Insofern hätte es uns nicht verwundern dürfen, wenn nun auch das Ende Jon Snows gekommen wäre.

Dennoch war ich mir absolut sicher, dass das nicht sein und dieses Ende sich nur als nicht endgültiges entpuppen kann. Wohlgemerkt, ich dachte nicht „Das DARF nicht sein!“, wie etwa in dem Moment, in dem die Fleisch gewordene Willkür Prinz Joffrey Ned Stark köpfen lässt. Ich dachte „Das KANN nicht sein.“ Warum ich persönlich diese unerschütterliche Gewissheit hatte, darauf werde ich später noch eingehen.

Zunächst aber: Ich war bei Weitem nicht der Einzige, der sich mit dem (endgültigen) Tod des Lord Commanders nicht so recht abfinden wollte. Gefühlte Sekunden nach dem Ende der fünften Staffel, in deren letzter Szene Jon Snow von den Brüdern der Nachtwache ermordet wird, fing die Gerüchteküche im Netz zu brodeln an: Stirbt Jon Snow wirklich? Wird er auf wundersame Weise doch noch in letzter Sekunde gerettet? Oder auf noch wundersamere Weise wiederbelebt?

Auf das erste Raunen der Erleichterung am vergangenen Sonntagabend folgte daher ein Chor fröhlich-indignierter „Hab ich´s doch gleich gewusst!“-Stimmen.

Eine Vielzahl von Artikeln hat seitdem im bisherigen Verlauf der Serie (und auch der Bücher) Hinweise darauf gesammelt, dass und wie Jon Snow doch nicht sterben wird. Unter anderem wurde darauf verwiesen, dass bereits Thoros von Myr, wie Melisandre ebenfalls Anhänger des „Lord of Light“ Rhollor, Beric Dondarrion mehrmals von den Toten zurückgeholt hat. Ebenso wurde ein mögliches Weiterleben Jon Snows mit seinem Schattenwolf Ghost in Verbindung gebracht, in dessen Körper sein Geist wandern kann. Dass Ghost nach dem (vorübergehenden) Ableben Jons wohlauf und an seiner Seite ist, gehört zu den Indizien, die auch mich darin bestärkt haben, dass die Geschichte Jon Snows noch weitergehen wird. Aber wie gesagt, dazu komme ich später noch.

Auch ist einiges dazu geschrieben worden, warum Jon Snow nicht (oder nicht dauerhaft) tot sein KANN. Kurz gesagt: weil er schlicht zu wichtig für die Gesamtstory ist.

In diesem Zusammenhang hat besonders ein Bild von sich reden gemacht: das Bild des toten Jon Snow, aufgebahrt auf einem dunklen Tisch, nur mit einem Lendentuch bekleidet, den Oberkörper entblößt und mit den Wundmalen der Schwertstöße übersät, das Gesicht umrahmt vom dunklen Bart und dunklen, langen Haaren. Hier wird überdeutlich die Darstellung des Leichnams Jesu Christi, wie wir sie aus zahlreichen Bildern kennen, evoziert, ach was sage ich: sie wird einem regelrecht um die Ohren gehauen. Niemand, der Augen hat zu sehen, kommt an diesem Vergleich vorbei – ist Jon Snow also der Messias von Westeros, der Retter und Erlöser?

Ist man einmal darauf aufmerksam geworden, lässt sich nicht übersehen, dass George R.R. Martin gewisse Parallelen zwischen der Geschichte Christi und derjenigen Jon Snows auffährt:

Wie Jesus wächst auch Jon sozusagen als unehelicher Sohn auf. (Wessen Sohn eigentlich? Auch das ist eine spannende Frage, die die Vorstellungskraft der Leser*innen und Zuschauer*innen auf das Blühendste anregt – nicht zuletzt, weil in ihrer Antwort ein bedeutender Schlüssel der Fantasy-Saga vermutet wird…)

Wie Jesus legt er alle Ambitionen auf Selbstverwirklichung und irdisches Glück ab, verschreibt sich stattdessen früh einer weit über seine eigene Person hinausgehenden Mission: Als Bruder der Nachtwache schwört er, Zeit seines Lebens auf Land, Besitz und Familie zu verzichten; fortan wird er sein Leben auf der Mauer ganz dem Schutz der „realms of men“ widmen.

Er lebt mit den Sündern und Geächteten – denn nichts anderes sind die Brüder der Nachtwache – und wendet sich selbst noch den von den Geächteten Geächteten, den Wildlingen, zu. In der Eiswüste jenseits der Mauer wird er gleich doppelt in Versuchung geführt: 1. die Versuchung, wie Mance Rayder mit der Nachtwache und seiner Aufgabe zu brechen, indem er ganz zu den Wildlingen überläuft — eine Versuchung, der er widersteht; 2. die von Ygritte verkörperte Versuchung des weiblichen Geschlechts, der er sympathischerweise erliegt.

Allen Bedenken zum Trotz entscheidet er sich, die von den meisten seiner Brüder für groben Abschaum gehaltenen Wildlinge zu retten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Nachtwache öffnet er ihnen, dem jahrtausendealten Feind, die Tore der Mauer.

Seine Barmherzigkeit mit dem vermeintlichen Feind soll ihm schließlich zum Verhängnis werden. Ihretwegen wird er von seinem eigenen Squire, dem Jungen Olli, verraten und ausgeliefert an die Männer der Wache, die ihn wiederum als Verräter anklagen und ihr blutiges Urteil an ihm vollstrecken. Er stirbt. Doch als seine wenigen Freunde schon fast nicht mehr daran glauben, erwacht er wie Christus von den Toten zu neuem Leben.
Es ist stark davon auszugehen, dass auf den auferstandenen Jon Snow die in der Folge „Home“ mehrmals von den Ironborn gesprochenen Worte zutreffen werden: „What is dead may never die, but will rise again, harder and stronger.“

Jon ist ein Grenzgänger zwischen den Welten – mehr noch, er ist jemand, der bisher bestehende Grenzen infrage stellt.
Er ist Mittler zwischen den Menschen diesseits und jenseits der Mauer, der herausstellt, dass es sich eben auch bei Letzteren um Menschen handelt. („Sind die Wildlinge nicht auch Menschen?“ antwortet er im Buch auf den Einwand, dass er doch daran denken müsse, die Menschen zu retten.) Die Mauer ist seit jeher die äußerste Grenze des Reiches. Jon Snow hebt sie zwar nicht auf. Aber er erneuert die Bedeutung dessen, was diese Grenze definiert: Stellte die Mauer bisher die Trennlinie zwischen dem zivilisierten Reich und den Wildlingen, oder aus deren Perspektive gesehen: zwischen den „kneelers“ und dem „free folk“ dar, trennt sie nun die Menschen von der unmenschlichen Bedrohung der Others.

Auch die Standesgrenzen verwischen in der Person Jon Snows, der als Bastard des Königs von Winterfell weder einfach nur baseborn noch, wie seine Geschwister unter den Starks, genuin highborn ist.
Man könnte also sagen, dass es eine für diesen Charakter schlüssige, wenn auch bis zum Äußersten gesteigerte Fortentwicklung ist, dass er nun auch die ultimative Grenze des Todes überwindet.

Last but not least ist Jon Snow natürlich noch in einer weiteren Hinsicht Grenzgänger: Als Warg bzw. „Skinchanger“ kann sein Geist in den Körper seines Schattenwolfes „Ghost“ schlüpfen. Auch seine Geschwister Bran und Arya besitzen diese Fähigkeit, wobei sie sich bei Arya in den Büchern viel deutlicher zeigt als in der Serie.
Dass es sich bei den Schattenwölfen der Starks um weit mehr als nur um ungewöhnliche Haustiere handelt, steht außer Frage. Die Wölfe sind wie tierische Zwillingsgeschöpfe ihrer Menschen, Erweiterung ihrer Körper, Spiegel ihrer Seelen.

Und damit komme ich auch zu dem Grund, weswegen ich mir ziemlich buchstäblich von Anfang an sicher war, dass Jon Snow eine immens wichtige Rolle spielen wird. Viel zu wichtig, um von Martin wie so viele andere Figuren en passant niedergemetztelt zu werden:

Band 1 von „A Song of Ice and Fire“ beginnt mit einem Ausritt Ned Starks und seiner Kinder, darunter neben den „trueborn children“ auch sein Bastard Jon Snow und sein Schützling Theon Greyjoy. Auf diesem Ausritt finden sie eine grausam getötete Schattenwölfin, die wohl noch kurz vor (oder doch bereits nach?) ihrem Tod fünf Welpen geboren hat, drei männliche und zwei weibliche.
Diese Zahl ebenso wie die Geschlechterverteilung entspricht genau den fünf „trueborn children“ Starks. Als die Kinder alle einen Wolfswelpen für sich haben wollen, verzichtet Jon freiwillig, mit eben dieser Begründung Ned Stark gegenüber:
„You have five trueborn children […] Three sons, two daughters. The direwolf is the sigil of your House. Your children were meant to have these pups, my lord.“ Und auf dessen Frage, ob er denn nicht auch einen Welpen haben wolle, antwortet Jon: „The direwolf graces the banners of House Stark […] I am no Stark, Father.“
Als die Reitgesellschaft schon zurück nach Winterfell aufbricht, hört Jon einen Laut, woraufhin er umkehrt. Völlig unerwartet findet er noch einen weiteren Wolfswelpen, einen Albino mit weißem Fell und roten Augen: „He must have crawled away from the others, Jon said. – Or been driven away, their father said, looking at the sixth pup. […] Bran thought it curious that this pup alone would have openend his eyes while the others were still blind.“

In diesen Eingangsszenen steckt bereits so viel von dem, was noch kommen wird: Jon Snow wird in einem Augenblick eminent in Erscheinung treten, in dem niemand mehr mit ihm rechnet. Und er wird sich als einer der Starks erweisen, denn auch wenn er auf den ersten Blick völlig anders aussehen mag als die anderen, „regulär“ grauen Schattenwölfe, ist er doch klarerweise einer von ihnen. Einer von ihnen und doch nicht ganz zugehörig, von den anderen abgesondert und etwas sehr Besonderes.
Wie hieß es noch mal sinngemäß, im Anfang eines Romans ist der ganze Roman bereits im Kern enthalten? Gerade auch weil diese Szenen zu Beginn spielen, bin ich sicher, dass sie vorausdeutend-bedeutsam gelesen werden sollten.

Aber halt…. Sagte ich, das passiert am Anfang? Ja, das Beschriebene geschieht ziemlich zu Beginn des Romans bzw. der Serie –aber der allererste Anfang ist noch ein anderer: Alles beginnt im eisigen Ödland nördlich der Mauer, wo die „Others“ ihre mehr als furchterregenden Schatten vorauswerfen. Dass sich Schattenwölfe in der oben geschilderten Szene so weit südlich der Mauer, in der Nähe Winterfells, überhaupt blicken lassen, wird ebenfalls auf etwas Unheimliches zurückgeführt: „It is a sign.“

Auch hier nehme ich an, dass die Others nicht zufällig an den Beginn der Bücher/der Serie gesetzt wurden, und ebenso wenig aus Effekthascherei, um halt mal ein paar Zombies durch´s Bild laufen zu lassen.
Die HBO-Serie trägt, wie der erste Band der Fantasy-Reihe, den Titel „Game of Thrones“, und es hat zunächst ganz den Anschein, dass es eben darum geht: um dieses raffinierte politische Strategiespiel oft überraschender Züge, das unter Einsatz des Lebens gespielt wird. Und doch, dessen bin ich mir sicher, ist es eben nur ein Spiel. Ich gehe davon aus, dass sich als wirklich entscheidend ein gänzlich anderer Kampf erweisen wird, einer, in dem Jon Snow sich sozusagen an vorderster Front befinden wird oder vielmehr schon befindet.

Innerhalb des Macht- und Ränkespiels um den Eisernen Thron mag es so aussehen als sei Jon Snow so weit weg von jeglichem relevantem Geschehen wie nur irgend möglich. Auf der Mauer, das ist von Westeros und Essos aus betrachtet buchstäblich am Ende der Welt. Anders erscheinen die Dinge jedoch, wenn man die Möglichkeit in Erwägung zieht, dass die eigentliche Gefahr für das Reich nicht von den vielen selbstproklamierten Königen, nicht vom High Sparrow oder irgendjemand anderem innerhalb der Reichsgrenzen ausgeht, sondern von den Others nördlich der Mauer. In diesem Fall ist Jon Snow genau dort, wo die wichtigste aller Schlachten ausgefochten werden wird.

Ich habe die Vermutung, dass es dieser Punkt ist, vor dem Jon Snow – wie Ghost im Unterschied zu den übrigen Schattenwolfwelpen – seine Augen geöffnet hat, während die anderen noch blind vor sich hindämmern. Er allein sieht mit letzter Konsequenz, dass die Others die eigentliche Bedrohung darstellen. Eine so große Bedrohung, dass in ihrem Angesicht selbst uralte Gräben wie die zwischen den „Krähen“ der Nachtwache und den Wildlingen nichtig erscheinen, sodass sie dringend überbrückt werden müssen.

Jon Snows Stellung als Lord Commander an der Mauer lässt mich demnach ebenfalls auf seine herausragende Rolle für die weitere Geschichte schließen.

Lord Commander Snow, als Märtyrer im Dienste der „realms of men“ gestorben und wiederauferstanden.
[Ob der Name seines Seelentieres Ghost auch von daher quasi-prophetisch sprechend wird, weil der Wiedererweckte gewissermaßen sein eigener Geist ist? Ich denke überhaupt, dass in den Namen der Schattenwölfe im Keim die Geschichte ihrer Menschen steckt. So verweist „Summer“, der Name von Brans Wolf, sicher nicht nur retrospektiv auf die Sommerzeit, in der er gefunden wurde, sondern ebenso vorausdeutend auf den kommenden Sommer, zu dessen Wiederkehr Bran definitiv entscheidend beitragen wird.]
Jon, der verkannte und doch am Ende rettende Messias. Das alles passt recht trefflich.

Im Unterschied zur Rolle als Märtyrer und Messias, den er für mich sehr schlüssig repräsentiert, kann ich ihn mir allerdings nur schwer als König und Herrscher vorstellen. Ich sehe ihn nicht auf dem Eisernen Thron.

Wie viele andere auch begreife ich den Titel „A Song of Ice and Fire“ als Clue zur Auflösung der Saga. Ich habe es immer so aufgefasst, dass diese Extreme zur Rettung der Welt von Game of Thrones ganz klassisch zusammenfinden müssen – und dass sie sich auf zwei Personen verteilen, wobei Jon Snow den „Ice“-Part verkörpert. Für wen das Feuer steht, fällt euch sicher nicht schwer zu erraten; da kann es nur eine geben: Daenerys Targaryen.

Ich habe mir die ganze Zeit gedacht, dass die gute Melisandre sich in ihren flammenden Visionen nicht komplett geirrt, sondern lediglich ungenau geguckt hat. Dass der notorisch uncharismatische Stannis Baratheon mit seinen herzlos-hölzernen Vorstellungen von Gerechtigkeit garantiert nicht der Heilsbringer sein wird – für diese Einsicht braucht es nun wirklich keine magischen Kräfte. So habe ich angenommen, dass die Bilder im Feuer sowie der rote Kometenschweif am Himmel nicht von dessen Sieg, sondern vom Aufstieg Daenerys´ und der Wiederkehr der Drachen künden.

Spätestens seit dem Trailer zur fünften Staffel bin ich der festen Überzeugung, dass es sich beim zukünftigen König von Westeros um eine Königin handeln wird. Obwohl man den Posten als Lord Commander sicher nicht als Job für Weicheier bezeichnen kann, finde ich Jon Snow dennoch im Kern irgendwie, tja, zu soft für den schneidenden Schleudersitz des Eisernen Throns. Versteht mich nicht falsch, es geht nicht um mangelnde Befähigung oder fehlenden Mut, eher darum, dass die Rolle auch zur charakterlichen Färbung der Person passen muss. Und da sehe ich eben diese ganz spezifische Haltung, dieses je ne sais quoi der geborenen Herrscherin deutlich ausgeprägter in Daenerys. Was witzigerweise ein bisschen genderbendy ist und mir auch deswegen gefällt. Wer war das doch gleich, der in den Büchern sagt: „It´s the women who are really the strong ones.“?

By the way: George R.R. Martin einen Feministen zu nennen, würde wahrscheinlich zu weit gehen. Aber ich danke ihm hiermit sehr herzlich dafür, einige der interessantesten, nicht stereotypen Frauenfiguren geschaffen zu haben, die mir im sog. Mainstream begegnet sind. Ich denke da neben Daenerys z.B. an Arya Stark, Brienne von Tarth oder Asha Greyjoy. Überhaupt, ohne meinen männlichen Geschlechtsgenossen und damit ja auch mir selbst in den Rücken fallen zu wollen: Wenn wir mal ehrlich sind, gibt es männliche Helden wie Sand am Meer, das ist doch fast schon langweilig. Neue HeldINNEN braucht die Welt! Ich hoffe deswegen total inständig, dass Daenerys ihre Worte für das gesamte GOT-Universum wahr werden lässt: „I will do as queens do – I will rule!“

Im Zuge dieser Überlegungen habe ich mir außerdem vorgestellt, dass Daenerys irgendwie, irgendwann mit ihren Drachen angeflogen kommt und Jon im Kampf gegen die Others zu Hilfe eilt. Schon verdächtig, dass die einzige effektive Waffe gegen diese Untoten Dragonglass heißt, oder?

In letzter Zeit fühle ich mich in meiner Daenerys-Hypothese zugegebenermaßen etwas verunsichert. Nicht, weil sie dem momentanen Stand nach auf Umwegen irrt. Das sorgt mich null, oder meint ihr, die Mother of Dragons wird sich gehorsam nach Vaes Dothrak verschleppen lassen und dort bis ans Ende ihrer Tage still vor sich hinvegetieren?

Zum Nachdenken bringt mich da eher ein hartnäckig kursierendes Gerücht über die Herkunft Jon Snows. Man munkelt, er sei möglicherweise nicht der Sohn Eddard, sondern Lyanna Starks und sein Vater Rhaegar Targaryen. Somit würde in seinen Adern nicht nur das Blut des Nordens, sondern auch das der Drachen fließen; nicht zuletzt hätte er als Sohn Rhaegars sogar einen rechtmäßigen Anspruch auf den Eisernen Thron.

Wenn Lyanna Stark tatsächlich die bislang unbekannte Mutter Jons wäre, würde das auch plausibel erklären, warum sie nun in Brans Visionen von der Kindheit Ned Starks aus dem Hut gezaubert wird.

Generell scheint mir die Annahme, Jon Snow sei das Kind Lyanna Starks und Rhaegar Targaryens, nicht unschlüssig. Keine andere Figur verbindet in solchem Maße Gegensätze wie er, keine andere Figur führt so wie er Getrenntes zusammen… Wer könnte also besser als er Norden und Süden, Eis und Feuer in sich vereinen?

Vielleicht spiegelt sich auch dieses noch verborgene Schicksal seines Menschen in Ghost, dem Schattenwolf? Womöglich verdeutlicht die Farbe, die Fell und Augen des Albino-Wolfs tragen, nicht nur dessen und Jons Status als Sonderling. Ich habe in Ghosts weißem Fell und roten Augen bisher eine Verbindung zu den alten Göttern in den Weirwood Trees gesehen, die just diese Farben haben. Doch es drängt sich jetzt natürlich auf, in den Farben des Seelentiers Ghost noch eine andere, die R+L=J-Hypothese bestätigende Symbolik zu erkennen.

Weiß wie der Schnee, den Jon als Namen trägt, weiß wie die Mauer und der Hintergrund des Wappens, das den Schattenwolf von House Stark hervortreten lässt – rot wie die Flammen des Lord of Light, dem die „Red Woman“ Melisandre dient, rot wie der Drache im Wappen der Targaryens.
Weißes Eis, rotes Feuer.

Einiges spricht dafür, dass doch Jon Snow der „Azor Ahai“ ist, den Melisandre verheißen hat. Ist er nicht „nur“ eine Messias-Figur, sondern auch ein ernsthafter, ja DER Anwärter auf den Eisernen Thron?

Wir werden sehen…

Unabhängig davon, ob manche Spekulationen sich bewahrheiten werden oder nicht: Wir dürfen mehr als gespannt sein, wie es heute Abend und in den kommenden Wochen mit Game of Thrones weitergehen wird!