Feminist Turn bei Game of Thrones?

!!! — SPOILER-ALERT — !!!

Frauen haben bei Game of Thrones in der Regel nicht viel zu lachen. (Aber wer hat das schon?!) Wie war das doch gleich: die Serie sei ein „mittelalterliches rape culture-Disneyland“; so oder so ähnlich erinnere ich mich gelesen zu haben. Dem lässt sich leider nicht ganz widersprechen.

Aber sollte es vielleicht Genugtuung und Gerechtigkeit für Westeros´ holde Weiblichkeit in Form eines (Re-)Empowerment starker Frauen-Figuren geben? Die gigantische letzte Folge der aktuellen Staffel, „Battle of Bastards“, deutet mehr denn je darauf hin.

Daenerys zeigt den Masters von Slavers´ Bay endgültig, wo der Hammer hängt – wer nicht hören will, muss brennen. Jedes Mal, wenn sie auf ihrem Drachen durch die Lüfte braust, ertappe ich mich dabei, wie ich zum Fan-Boy mutiere und sie innerlich Targaryen-rote Pompoms wedelnd anfeuere: „You go, girl! Daenerys Stormborn for Queen of Westeros!“ [Das habe ich hier bereits angedeutet.]

Als ob die lässige Rückeroberung Mereens nicht schon großartig genug wäre, verschwestert sich Daenerys außerdem noch mit einer weiteren coolen Sau unter den weiblichen Heldinnen, mit Yara Greyjoy. Die spricht bei der Mother of Dragons vor, um dieser ihre Unterstützung im Kampf um den Eisernen Thron zu offerieren und von ihr im Gegenzug Hilfe bei der Wiedergewinnung ihrer Heimat zu erbitten.

Denn Yara sieht es so gar nicht ein, von ihrem rechtmäßigen Anspruch auf die Herrschaft über die Iron Islands abzurücken. Bloß weil ihr misogyner Onkel meint, einen auf dicke Hose und jedem bzw. jeder – Daenerys inbegriffen – seinen darin befindlichen „big cock“ unter die Nase halten zu müssen. Gemeinsam beschließen die beiden Heroinnen daher, die leidige Unsitte abzuschaffen, Frauen das Zepter entweder gar nicht erst zu übergeben oder es ihnen notfalls wieder aus der Hand zu reißen.

Interessanterweise erfahren wir in dieser Staffel auch, dass Yara sich zu Frauen hingezogen fühlt, während sie in der Roman-Vorlage noch männliche Geliebte hat. In der Serie nun begehrt sie also Frauen, und geht dabei, wie schon auf dem Schlachtfeld, nicht weniger offensiv als die ihr untergebenen Mannen zur Sache.

Dies und ein eindeutig-zweideutiger Spruch sorgen derzeit unter den Fans für Entzücken und Spekulationen darüber, welcher Art das Verhältnis von Daenerys und Yara wohl sein oder noch werden mag… Wäre es nicht fast schon konsequent, wenn die beiden nicht nur politisch, sondern auch sexuell ohne Herren auskommen?

Apropos Dinge, die in der Serie anders verlaufen als in den Büchern:
Zum Worst Of der vergangenen Staffel gehörte für mich definitiv Sansas Schicksal. Klar, die Serien-Macher loten notorisch die Grenzen des Ertragbaren aus… aber mussten sie Sansa nach dem bitteren Joffrey-Martyrium noch ausgerechnet in Ramsay Boltons über-sadistische Arme treiben?

Umso begeisterter war ich von der Stärke, die Sansa in der letzten Folge demonstriert. Klarer Fall: ohne die Hilfe seiner Schwester wäre Jon Snow bei allem kämpferischen Geschick, bei allem Mut einfach nur niedergetrampelt worden. Winterfell wäre für die Starks wohl für immer verloren gewesen.

Nicht schlecht gefällt mir auch, dass Sansa und Jon in ihrem Verhalten sozusagen die Geschlechter-Klischees umdrehen: Während Jon emotional-impulsgetrieben handelt und sich trotz Sansas ausdrücklicher Warnung nicht so weit kontrollieren kann, dass er nicht in Ramsays offensichtliche Falle tappt, taktiert Sansa mit cleverem Kalkül. Sie stellt ihre Gefühle und den Drang, Peter Baelish auf direktem Wege in die Hölle zu schicken, zugunsten des größeren Ziels hintan. Sie sieht, wo ihre einzige Chance liegt, und nutzt sie.

Ehrlich gesagt gefällt mir sogar, dass sie ihrem Peiniger Ramsay ein extrem grausames Ende bereitet. Nicht weil mir Grausamkeit per se zusagen würde, sondern weil es Sansa menschlicher macht. Ich kann es nicht besonders leiden, wenn Frauen-Figuren zu süßlichen Engeln verklärt werden, die das „Ideal“ der alles ertragenden Tugend und Güte bis zur Dämlichkeit verkörpern. Denn auch diese Idealisierung ist, wie die reine sexuelle Objektifizierung, eine Art Entmenschlichung.
Die Zeiten, in denen Sansa immer nur damenhaft, hübsch und züchtig war und den Kopf voller Ritter-Romanzen hatte, sind endgültig vorbei. Gut so.

Von der letzten Folge abgesehen, habe ich überhaupt den Eindruck, dass Staffel 6 die Staffel ist, in der Frauen entscheidende, vielleicht die entscheidenden Rollen spielen – im Guten wie im Schlechten, mal mehr, mal weniger offensichtlich.

Cerseis Löwinnen-Stolz ist von ihrer Demütigungs-Tour quer durch King´s Landing nicht gebrochen, sondern nur noch mehr befeuert worden. Sie sagt ihrem Bruder und Geliebten Jaime, was er zu tun und wohin er mit seinen Truppen zu reiten hat. Queen Margaery steuert King Tommen (leider in den blinden Fanatismus, aber das ist ein anderes Kapitel). Arya Stark wird nach vielen harten Prüfungen zum Glück nicht Niemand, sondern (wieder) sie selbst. Melisandre wird durch die Einsicht in ihre eigene Fehlbarkeit nicht bloß sympathischer, sie wirkt sogar in ihrer neuen Brüchigkeit paradoxerweise auch kraftvoller denn je. Ich meine, hey, jemanden von den Toten wieder ins Leben zu rufen, ist gar keine so üble Leistung.

Auch die weiblichen Neben-Charaktere sind wesentlich mehr als nur dekoratives Beiwerk: Lyanna Mormont, die sehr junge Herrscherin der Bear Islands etwa, hat es mit ihrer Schlagfertigkeit schon nach einem kurzen Auftritt zu einer soliden Fan-Base gebracht. Und die fabulöse „Queen of Thorns“ würde ich mir von Margaery sowieso gerne mal als völlig nicht Oma-like Oma ausborgen.

Verrückt, aber wahr: ausgerechnet Game of Thrones bietet uns so viel mehr als einen haarscharf bestandenen Bechdel-Test.

Ach, ich weiß gar nicht, ob ich es bereits erwähnt habe, aber wenn ich so darüber nachdenke… will ich Daenerys am Ende unter allen Umständen auf dem Eisernen Thron sehen.
Alles andere wäre enttäuschend.

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Ich like euch! oder: Sympathie bekunden im Non-Internet

„Hoffentlich wirkt mein freundlich gemeinter Blick nicht wie ein aufdringliches Haifisch-Grinsen!“, denke ich, als ich an dem dreiköpfigen Nerd-Gestirn vorüberschlendere.
[Nur damit diesbezüglich keine Zweifel aufkommen: „Nerd“ ist für mich hauptsächlich deskriptiv, mit einer gewissen Tendenz zur positiven Konnotation.]
Im ersten Moment halte ich die jungen Leute für Gothics – alternder Simplicissimus, der ich bin. Als ich noch jung war (…), hätte ich mit dieser Einordnung vielleicht richtiggelegen. Aber heutzutage gibt´s ja noch Emos (oder schon nicht mehr?), Cyberpunks und weiß der Henker was noch. Was oder wer auch immer die drei sein mögen, ich jedenfalls mag sie. Ich finde sie auf Anhieb sympathisch und würde das gerne irgendwie zeigen.

Null Problemo, für solche Fälle habe ich schließlich eine super Lösung parat. Wie durch Geisterhand, tatsächlich aber auf meinen mentalen Befehl hin erscheint über meinem Kopf dezent und doch gut erkennbar ein Hologramm des nahezu universal bekannten Daumens nach oben in blau und weiß.
Die drei wissen nun Bescheid: „Ah cool, der liket uns!“
Sie lächeln zurück.

Ach nee, warte – leider doch nicht.

In Wirklichkeit bleibt die Situation unaufgelöst. Ob das Trio sich von mir ange- oder doch eher meiner Absicht entgegen belächelt fühlt? Ich werde es niemals herausfinden, schätze aber die Chancen für letzteren Fall als relativ hoch ein. Alles nur, weil noch niemand diese mental steuerbare Hologramm-Like-Funktion für den Alltag erfunden hat! Oder zumindest etwas Ähnliches.
Was mir völlig unverständlich ist, denn ich könnte so etwas sehr gut gebrauchen.

Ich gerate nämlich des Öfteren in solche Situationen.
Besonders oft wiederum mit Leuten, die ein bisschen „anders“ sind und das in irgendeiner Weise nach außen tragen. Oder sich schlicht nicht darum scheren, ob jemand ihr „Anderssein“ wahrnehmen könnte. Menschen aus bestimmten Subkulturen mit entsprechenden Looks, wie die erwähnten Gothics (oder Emos oder so…). Lesbische oder schwule Paare, die Händchen halten und turteln. Menschen, gerade Frauen, die sich so anziehen, wie sie lustig sind und sich in ihrem Körper wohlfühlen, so wie er ist. Auch wenn die lookism-Polizei immer und überall Streife fährt und jede ihrer Eigenschaften mit einem angewiderten „zu“ brandmarkt. Zu dick, zu dünn, zu haarig, zu viel, zu wenig, zu nuttig, zu bieder.

Nun gibt es leider zwei Probleme mit mir, solchen Begegnungen und dem Versuch, irgendwie meine Sympathie und Grundsolidarität diesen Leuten gegenüber zu zeigen.

Problem No.1:
Ich sehe aus wie jemand, der seinen kleinen Lattenschuss auf eher unextrovertierte Weise pflegt: langweilig. Spießig bisweilen.
Vielleicht bin ich ja in nicht allzu ferner Vergangenheit noch in schwarzer Gewandung mit dickem Kajal-Strich um die finster blickenden Augen an Pfingsten durch Leipzig getrottet, wo mir Jugendliche mit gebührendem Abstand „Leichen! Erde! Patchouli!“ hinterherriefen.
Mag sein, dass ich in den Augen einiger mindestens ebenso deviant bin wie Frauen- oder Männerpaare.
Möglicherweise bin ich auch eines dieser fast schon klischeehaft dicken, plumpen Kinder, die wegen ihres Dickseins von Mitschüler*innen, Sportlehrern und anderen unangenehmen Zeitgenoss*innen gehänselt und vorgeführt wurden.
[Ohne hier zu viel verraten zu wollen: all das trifft zu.]
Es kann also sein, dass ich nicht unbegründetermaßen eine gewisse Nähe zu den beschriebenen Personen fühle. Aber man sieht mir diese Nähe nicht an.

Problem No.2:
Die betreffenden Leutchen machen sicherlich häufig die Erfahrung, schief angeguckt zu werden. Es ist ihnen daher nicht zu verdenken, wenn sie im Zweifelsfall davon ausgehen, dass auch ich ein Schiefgucker bin. Umso mehr habe ich deswegen das Bedürfnis, ihnen eine kleine anerkennende, wohlwollende Geste von Mensch zu Mensch zu senden. Nichts Hochtrabendes, keine gönnerhafte Toleranz-Demonstration, die eigentlich nur mich als ach so tollen, weil eben toleranten Typen herausstellen soll. Einfach ein bescheidenes „Thumbs up, Mitmensch!“. Das real-life-Äquivalent zum Facebook-Like halt.

Also… gibt´s dafür ´ne App? Kann man da nicht mal was machen?!