Lieblingsstreberin: Flavia de Luce

Das Missy Magazine kürt in jeder neuen Ausgabe einen fiktiven Charakter zur Lieblingsstreberin. Wenn eine den Inbegriff dieses Ehrentitels verkörpert, dann ist das meiner bescheidenen Meinung nach Flavia de Luce. Ich möchte sie deshalb als meine persönliche Lieblingsstreberin ergänzen.

Flavia de Luce ist die investigative Heldin einer Krimi-Reihe des kanadischen Autors Alan Bradley. Mit ihren gerade einmal 11 Jahren ist sie alles andere als ein gewöhnliches Mädchen.

Man könnte sie vielleicht als „frühreif“ bezeichnen, aber ich bin mir unsicher, ob dieses Wort außerhalb von 70er Jahre-Aufklärungsfilmchen gebraucht wird und nicht eher missverständlich rüberkommt… Was ich sagen will: Flavia ist hochintelligent und sieht die Welt um sie herum mit klugem, kritischem Blick.

Ihre Welt ist ein ländliches England in den 1950ern. In der Nähe des Dörfchens Bishop´s Lacey lebt sie auf dem altehrwürdigen Familienanwesen Buckshaw.

Zu ihrer Familie gehört zunächst der Vater, ein Patriarch alter, gefühlsunterkühlter Schule vom Typus „Stock im Popo“. Sodann die beiden älteren Schwestern mit den gänzlich unprätentiösen Namen Daphne und Ophelia, mit denen Flavia nicht wirklich etwas anfangen kann. Die eine steckt permanent mit der Nase in Romanen, die andere ist in erster Linie mit ihrer eigenen Nase und dem Rest ihres Spiegelbilds beschäftigt. Von Geschwisterliebe spürt man wenig. Was eine Art von Beziehung zwischen den drei Mädchen stiftet, ist wenn überhaupt der Wunsch, die anderen beiden verbal oder mit Streichen so richtig in die Pfanne zu hauen. Last but not least zählt außerdem Dogger zu den Bewohnern Buckshaws, ein vom Krieg traumatisierter Freund des Vaters, der als Junge für alles des Hauses fungiert.

Über alledem schwebt der Geist der verstorbenen Mutter Harriet, einer eigensinnigen Abenteuerin, die bei einem Ausflug ins Himalaya-Gebirge ums Leben kam, als Flavia gerade einmal ein Jahr alt war. Man munkelt, unsere Protagonistin habe ihren Charakter von dieser badass Mama. Ganz sicher ist, dass sie von ihr eine unsterbliche Leidenschaft geerbt hat: die Liebe zur Chemie. Nichts bereitet Flavia mehr Freude, als über dicken Wälzern zu brüten, die sie in die Geheimnisse dieser Disziplin einweihen, und selbst im Labor zu erproben, was sich mit der Macht des Wissens und der Elemente hervorzaubern lässt. Unter den Wundern, die ihr die Chemie enthüllt, fasziniert sie vor allem eines: Gift.

„Gift?! Das ist doch nichts für liebe, brave Mädchen!“, mag man einwenden. Sehr richtig. Aber Flavia will auch nichts weniger sein als das. Das unschuldige girly girl spielt sie allerhöchstens mal, wenn es ihr strategisch nützt. Ansonsten hat sie nicht viel dafür übrig, für ein süßes Herzchen gehalten zu werden – dank ihrer Passion aber das richtige Mittel für diejenigen parat, die genau das tun:
„If there is a thing I truly despise, it is being addressed as „dearie“. When I write my magnum opus, A Treatise Upon All Poisons, and come to „Cyanide“, I am going to put under „Uses“ the phrase „Particularly efficacious in the cure of those who call one „Dearie“.“

Bereits in ihrem jungen Alter ist die Nachwuchs-Chemikerin eine überzeugte Feministin. Was bleibt einer auch anderes übrig, bei der irrsinnigen Behandlung, die die Welt Frauen und Mädchen zuteil werden lässt? Beispielsweise wenn der Kommissar sie als wichtige Zeugin nicht um einen Faktenbericht, sondern um eine Tasse Tee bittet:
„Without so much as a kiss-me-quick-and-mind-the-marmalade, the only female in sight is enlisted to trot off and see that the water is boiled… The nerve! The bloody nerve!“

Und das, obwohl sie alles hat, was es für eine wertvolle Zeugin braucht. Eine genaue Beobachtungsgabe. Einen cleveren, analytischen Kopf. Die Abgebrühtheit einer Person, die sich in brenzliger Lage fragt, was Marie-Anne Paulze Lavoisier wohl in dieser Situation getan hätte, statt die Nerven zu verlieren.

Eben dadurch eignet sie sich auch bestens als Ermittlerin mit ganz eigenen Methoden. Als solche möchte ich sie euch ans Herz legen.

Nach allem, was ich bisher geschrieben habe, könnt ihr euch sicher vorstellen, dass der Fund einer Leiche im Buckshawschen Gurkenbeet Flavia nicht völlig in Angst und Schrecken versetzt. Eher in einen Zustand kitzelnder Neugier, ja fast schon Freude. Neugierig und vorfreudig können auch die Leser*innen sein, denn damit beginnt ihr erster von bisher acht Fällen.
Das englische Original heißt „The Sweetness at the Bottom of the Pie“; in der deutschen Übersetzung lautet der Titel sinnigerweise „Mord im Gurkenbeet“ und ist bei Blanvalet erschienen.

Ich persönlich kann mich ja durchaus auch für männliche Spurensucher mittleren Alters erwärmen, die  wortkarg durch die Landschaft Skandinaviens/Großbritanniens/der USA/Frankreichs [Fehlendes bitte hier ergänzen: ______________ ] eigenbrödel-rödeln. Aber falls euch die zu langweilig sind oder ihr einfach mal Lese-Appetit auf was anderes habt – Flavia de Luce Mysteries sind eine echte Alternative.

 

Buch Tipp: Rasha Abbas, Die Erfindung der deutschen Grammatik

Was haben Jobcenter-Beamte, Sherlock Holmes und die Apokalypse gemeinsam? Sie alle tauchen in „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ auf, Rasha Abbas´ neuem Band mit Kurzgeschichten rund um den Flüchtlingsalltag in Deutschland. Ein oft ungewöhnliches, meist vergnügliches Zusammentreffen skurriler Welten.

Mit „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ ist im März 2016 Rasha Abbas´ dritter Kurzgeschichten-Band zunächst im E-Book-Verlag mikrotext, später auch als Taschenbuch bei Orlanda erschienen. Abbas ist eine syrische Autorin und Journalistin. Derzeit lebt sie in Berlin.

Von den Abenteuern, um nicht zu sagen: kleinen Odysseen, die sie als Geflüchtete aus Syrien in unserer Hauptstadt erlebt, handeln die Erzählungen, die sie in dem etwas über 100 Seiten schmalen Bändchen versammelt. Beziehungsweise müsste es korrekter heißen, dass die Geschichten mit ganz banalen Situationen ihres Lebens, einer Wohnungsbesichtigung etwa oder einer Unterrichtsstunde im Integrationskurs, beginnen. Um sich oft zu völlig surrealen Szenarien auszuwachsen.

Mit feinem Gespür deckt Abbas die reale Absurdität kleiner Alltagsmomente auf – mit riesiger Fabulierlust steigert sie den Irrsinn ins Fantastisch-Unermessliche. Die Geschichten wirken mitunter comicartig überdreht, aber deswegen dem Ernst der Lage nicht weniger angemessen. So ist es beispielsweise erstaunlich, wie passend die Betrachtung eines Behördengangs als besonders kniffliges Videogame mit unterschiedlichen Leveln erscheint. Fast könnte man meinen, dass er auch für den*die Leser*in in dieser Sichtweise zum ersten Mal Sinn ergibt.

Ebenfalls skurril ist das Personeninventar. Abbas fährt eine Parade diversester kurioser Gestalten auf, die jedoch allesamt so oder zumindest erschreckend ähnlich in der Wirklichkeit vorkommen (könnten). Vom brummeligen Vermieter, für den alle ausländischen Namen gleich klingen, zu den beiden syrischen Freunden, die sich darum streiten, wer weniger Flüchtling ist als der andere. Vom Hipster, den man nur mit Dosenfleisch-Wasser auf Abstand halten kann, zum Dealer, der als wandelndes schlechtes Vorbild eine aufklärerische Hip Hop-Karriere hinlegt.

Abbas´ Witz mag stellenweise ziemlich bissig sein, gehässig aber ist er nicht. Das liegt daran, dass sie niemals eine bestimmte Menschengruppe allein vorführt. Vielmehr verteilt sie augenzwinkernde Spitzen in alle Richtungen. Frei nach dem Motto: wahre Toleranz ist, wenn man alle gleichermaßen durch den Kakao zieht. Nicht zuletzt sich selbst.

Wie es seit jeher die oberste Regel der Komödie ist, stellt sie dabei die Ordnung gehörig auf den Kopf. Und lässt sie so stehen. Das ist ebenso unterhaltsam wie aufschlussreich. Vor allem, wenn es um die Tücken der Selbst- und Fremdwahrnehmung geht, um Vorurteile und Neusein in einem anderen Land, einer anderen Sprache.

Mit ihren im Durchschnitt um die 10 Seiten sind die einzelnen Erzählungen nicht nur kurz, sondern auch kurzweilig. Sie eignen sich daher bestens für Zugfahrten, als Balkon- oder Baggersee-Lektüre. Das mag ungewöhnlich für ein Buch zu einem solch ernsthaften Thema sein. Manch eine*r mag sich sogar fragen: Geht denn das, auf solche Weise über einen derartigen Inhalt zu schreiben? Noch dazu in einem grellgelb-pinken Bändchen, das auf den ersten Blick seine Zugehörigkeit zur Popliteratur verrät.

Ich sag mal ganz vorsichtig: ja. Und empfehle für den Einstieg meine persönliche Lieblingsstory „Hipster-Apokalypse“.

Mythen und Märchen im deutschen TV #3: „Das doppelte Rumpelstilzchen“ (Andreas aus „Frauentausch“ und Detlef Steves aus „Ab ins Beet“ etc.)

Es ist Klassiker-Time bei den Mythen und Märchen.

Dieses Mal möchte ich „Frauentausch“, einen echten Evergreen unter den Trash TV-Shows, in den Fokus eurer geschätzten Aufmerksamkeit rücken, und mit diesem Dauerbrenner hochkarätiger Unterhaltung eine der hervorstechendsten Gestalten, die je in dem beliebten Format in Erscheinung getreten sind… Vorhang auf und Bühne frei für: Andreas.

Dass es Zeit für so viel geballte Kultigkeit wird, verdankt sich wiederum einem absoluten Klassiker der TV-Märchencharaktere, nämlich Rumpelstilzchen.

Die Figur des jäh aufbrausenden Cholerikers erfreut sich allerspätestens seit dem HB-Männchen medial größter Beliebtheit. Warum und weshalb, darüber könnte man jetzt viel spekulieren. Ist es für das moderne Subjekt, dem (Selbst-)Kontrolle als oberstes Gebot auferlegt wird, eine Art kathartische Erfahrung, die hemmungslosen Zornes-Entladungen anderer Menschen mitzuerleben? Oder ist es einfach eine Riesen-Gaudi, einem Rumpelstilzchen dabei zuzusehen, wie es mit Schimpftiraden und ulkigen Gesten komplett ausrastet? Who knows…

Fest steht, dass in meiner persönlichen Historie fernsehbetreuten Müßiggangs ein Mann ganz klar den Rumpelstilzchen-Contest für sich entschieden hat – eben jener bereits erwähnte Andreas, der am lehrreichen RTL2-Experiment „Frauentausch“ teilgenommen hat.

Falls ihr noch nicht in den Genuss dieser Sendung gekommen seid, fasse ich euch kurz die Grundregeln zusammen: Familie 1 tauscht die Mutter mit Familie 2. Für die Dauer von zehn Tagen soll die eine in der Familie der anderen deren Rolle, Aufgaben, Strukturen usw. übernehmen. Das Ganze ist umso spannender als keine der beiden Tauschpersonen vorher weiß, wo sie landen und welche Lebensweise sie dort erwarten wird.

Nebenbei sei noch bemerkt, dass ausgerechnet RTL2 in Form von „Frauentausch“ einen so fortschrittlichen, realitätsangemessen bunten Begriff von Familie hat, wie er einem nur selten begegnet. Eine Tausch-Familie kann sich ganz traditionell aus einer Mutter-Vater-Kind(er)-Kernfamilie zusammensetzen, muss es aber nicht. Genauso gut kommen Patchwork-Familien vor und alleinerziehende Mütter, denen von den Großeltern bei der Kinderbetreuung unter die Arme gegriffen wird. Auch WGs oder WG-artige Konstrukte können mit von der Partie sein, ja sogar ein Gespann von Freund*innen mit oder ohne Kinder, die noch nicht einmal dieselbe Wohnung, wohl aber ihr Leben tagtäglich miteinander teilen.

Ähnlich flexibel wird der Begriff „Mutter“ ausgedehnt. Klar, in vielen Fällen meint er das Übliche, sprich: eine weiblich gelesene Person, die ein Kind geboren hat und sich als dessen primäre Bezugsperson um es kümmert. Prinzipiell jedoch verstehen die Frauentausch-Redakteure darunter eher so etwas wie eine bestimmte Funktion innerhalb eines Personengefüges. Die Mutter-Funktion kann dabei ohne Weiteres von einer kinderlosen Person erfüllt werden. Und, warum eigentlich nicht, auch von einem Mann.

Aber nun flugs zurück zu Andreas, der sich ganz „klassisch“ in einer Mutter-Vater-Kind-Konstellation bewegt. Frauentausch sei Dank muss er die Tauschperson bei einer Aufgabe unterstützen, die vom Schwierigkeitsgrad her in etwa mit Stroh zu Gold spinnen mithalten kann: Sie soll den Kinderchen zumindest zeitweise die Mama ersetzen.

So weit, so gut, Andreas zeigt sich die ersten Minuten lang einsatzbereit wie ein eifriger Pfadfinder. Bis die Tausch-Mutti Dinge ans Tageslicht bringt, die sie nie hätte wissen dürfen. Dass die Bude dreckig und chaotisch aussieht. Dass vor allem das Kinderzimmer in einem üblen Zustand ist. Und dann auch noch, dass das hochtoxische Putzmittel so gefährlich gar nicht ist und außerdem für etwas anderes verwendet wird als Andreas dachte.

Wie mag sie all das bloß erfahren haben? Das hat ihr sicher der Teufel gesagt!

Bei so heftigen Triggern muss Andreas ja ausrasten. Er tobt, beinahe verhalten erst, dann in stetigem Crescendo. Was ihm an Eloquenz fehlt, macht er an Explosions- und Lautstärke wieder wett.
„HALT STOPP!!“ brüllt er ein ums andere Mal, nur er selbst ist nicht mehr zu bremsen. Die Luft vibriert vom angriffslustigen Kettensägen-Schliff seiner Stimme. Die Tür knallt. Die Wand wackelt. Der Pin Up-Kalender fällt.

Zurück bleibt eine ebenso verblüffte wie leicht verängstigte Tausch-Mutti. „Wow… “ steht ihr ins Gesicht geschrieben. „Wow…“ denken wir vor den Bildschirmen.

Und viel mehr als „Wow…“ lässt sich zu diesem und den folgenden Ausbrüchen von Andreas kaum sagen. Eindrucksvoll.

An diese Manifestation purer Rumpelstilzchen-Energie heranzukommen, ist kein Leichtes. Andreas ist für mich, wie gesagt, bisher unerreicht. Dennoch möchte ich eine stabile Silbermedaille an ein weiteres cholerisches Talent vergeben, das wir aus dem Fernsehen kennen: an Detlef Steves, der seine ersten TV-Auftritte bei der VOX-Sendung „Ab ins Beet!“ hatte.

„Ab ins Beet!“ lässt uns vordergründig beobachten, wie Paare, Freunde und/oder Verwandte miteinander im Garten arbeiten. Aber das ist nur ein Vorwand. Eigentlich ist das Gärtnern bloßer Anlass für die Teilnehmenden, rhetorisch zu Hochtouren aufzulaufen und sich gegenseitig mit Sprüchen zu bombardieren.

Sich in die großartigsten Wortneuschöpfungen gekleidete Halb-Freundlichkeiten an den Kopf zu knallen, während man gemeinsam an einer Aufgabe werkelt, schafft eine tiefere Verbindung als jede Paartherapie. Oder wie Menschen sagen würden, die sich verständlicher ausdrücken: Was sich liebt, das neckt sich.

In dieser hochgradig entspannenden Sendung tauchte Detlef Steves zum ersten Mal auf den Fernsehbildschirmen auf. Detlef, auch „Deffi“ genannt, ist eine Seele von Mensch. Ein Niederrheiner, wie er im Buche steht — manchmal rauh, meistens herzlich, nie um einen Spruch verlegen.

Eigentlich will Deffi nur eine gechillte Zeit mit Frau, Hund oder seinen gefühlt Millionen von Bekannten verbringen. Wenn die eigene Kreativität oder ein Wunsch der Gattin ihn nicht dazu antreiben würden, immer wieder neue Projekte in Haus und Garten anzufangen… Die eigentliche Herausforderung für den einstigen Pizza-Bäcker ist allerdings nie die Aufgabe als solche, sondern die Ruhe zu bewahren. Das klappt so ziemlich genau nie.

Die Zuschauer*innen müssen selten lange warten, bis Vulkan Detlef beim kleinsten Anlass ausbricht. Dann wird aus dem gutmütigen Bärchen mit Kinnbart ein schimpfender Rohrspatz. Erstaunlich, was er nicht schon alles „verbimsen“ oder welchen Gegenständen er bereits „eine Kopfnuss verpassen“ wollte. Da werden Steine zur „kleinen Zicke“ und Konflikte mit nicht fallfreudigen Ästen schon mal „persönlich“ genommen.

(Ich persönlich finde das ja sehr sympathisch, wenn auch andere Menschen in einem kommunikativen Verhältnis zur Materie stehen, sogar zur unbelebten. Auch wenn sich die Kommunikation meist einseitig gestaltet. Wobei… ich weiß nicht, ob die Gegenstände mir nicht manchmal durch ihre störrische Trägheit oder ihre plötzliche Verliebtheit in die Schwerkraft doch etwas sagen wollen.)

Fluchend und wütend hat Deffi inzwischen so manches Format erobert: er hat bei „Ab in die Ruine!“ die Tücken des Heimwerkens veranschaulicht, in „Die Superchefs“ sein eigenes Restaurant eröffnet, ist bei „Detlef muss reisen“ unfreiwillig um die Welt gejettet, hat bei „Let´s Dance!“ das Tanzbein geschwungen und Clipfish mit seinen „Life Hacks“ bereichert. Wahrscheinlich hat er sich noch durch zig Projekte getobt, von denen ich nichts mitbekommen habe.

Der Original-Märchen-Choleriker wäre stolz auf Andreas und Detlef. Aber er hat definitiv noch viele andere würdige Nachfolger gefunden. Welches ist euer liebstes Fernseh-Rumpelstilzchen?

Ich bin mir sicher, dass diese TV-Figur in naher Zukunft nicht aussterben wird. Nur eines wird den Rumpelstilzchen von heute,  in Zeiten des Internets noch viel schwerer gemacht: ihre Identität dauerhaft zu verbergen.

PS: Lust auf noch mehr TV-Mythen und -Märchen? Wie wäre es mit Don Quijote oder Sisyphos?

 

 

 

 

Das Nilpferd im Schaufenster

Heidelbergs Altstadt ist, wie es so schön heißt, „das Herz und die historische Mitte“ der Romantik-Perle am Neckar. Über das ganze Jahr hinweg, gerade aber jetzt im Sommer zieht sie Tourist*innen aus aller Welt magisch an. Auch wenn einem das Idyll mitunter empfindlich auf den Zwirn gehen kann, muss ich ja zugeben… hübsch ist es schon. Der Fluss, die Berge, das Schloss, die verwinkelten Gässchen: es gibt für Besucher*innen einiges zu sehen und zu erleben. Und mittendrin, in einem kleinen Tabakladen bei der Heiliggeistkirche, steht ein Nilpferd im Schaufenster.

Okay, ich muss mich entschuldigen, das war geschwindelt. Es gibt natürlich nicht wirklich ein Nilpferd im Schaufenster  zu bestaunen. All denjenigen, denen wie mir selbst das Nilpferd in der Achterbahn aus dem gleichnamigen Spiel in den Kopf geschossen ist, muss ich leider kleinlaut gestehen: Eine so putzig-positive Assoziation ist hier gänzlich fehl am Platze. Im Grunde muss ich mich nicht nur bei allen, die diese Zeilen lesen, sondern auch bei sämtlichen Nilpferden entschuldigen. Sie haben es eigentlich nicht verdient, mit etwas so Zweifelhaftem wie dem betreffenden Schaufenster-Inhalt in Verbindung gebracht zu werden.
Insofern: offizielles Sorry von meiner Seite, liebe Hippos, dass ich euch hier schamvoll als Platzhalter missbrauche!

De facto geht es um etwas anderes mit dem Buchstaben „N“ Beginnendes. Es handelt sich um eine mehr als nur uncharmante, Tonnen von ungeilem begriffshistorischem Ballast mit sich schleppende Bezeichnung für Menschen dunkler Hautfarbe. Ich denke, ihr kommt drauf.

So unangemessen dieses Wort generell ist, so treffsicher betitelt es leider das, was lebensgroß in besagtem Schaufenster steht: hélas, nicht die Figur eines Menschen mit dunkler Hautfarbe, sondern die eines Nilpferds. Weswegen sie definitiv nicht dort stehen sollte.

Man kann da sicherlich drüber diskutieren. Hab ich dann spaßeshalber auch gemacht.

Mein geschätzter Mitdiskutand argumentierte natürlich erst einmal damit, dass so eine Figur niemandem wehtut. Das hätte ja null Auswirkung auf jetzt und real existierende Personen, sei quasi eher ein historisches Relikt. Ich so: „Na, das kann man von Hakenkreuz-Flaggen auch behaupten, und die hisst du doch auch nicht auf deinem Balkon!“

Obwohl er letzterem Punkt glücklicherweise zugestimmt hat, erwiderte er gleich, sein Großonkel habe aber tatsächlich noch eine alte Hakenkreuz-Flagge auf dem Speicher liegen. Eben als Überbleibsel dieses unrühmlichen Abschnitts der Geschichte, was er völlig unproblematisch fände.

Na gut. Ich kann mir zwar andere Dinge vorstellen, die man mit solchen Flaggen anstellen könnte. Wie wäre es z.B. damit: sie in klitzekleine Stückchen zerfetzen, aus denen man dann eine Friedenstaube häkelt? Aber meinetwegen. Warum nicht auch feinsäuberlich bis zur Unkenntlichkeit zusammengefaltet, in einer Kiste unter tausend anderen Kisten in der allerhinteresten Ecke des Speichers verstauben und vergilben lassen? Bisschen unkreativ, aber ich lasse es mal durchgehen.

Auf den Nilpferd-Fall übertragen fände ich es in Ordnung, wenn die Besitzerin des Tabakladens sich die Figur in den Schuppen stellt, gewissermaßen als Souvenir schlechterer Tage. Gleich hinter die Geräte, mit denen sie sorgsam den weitläufigen Garten ihres Weststadt-Grundstücks pflegt.

Wenn dann ihre Enkelkinder zu Besuch kommen und über die Wiese tollen, kann sie sie mit geheimniskrämerischer Miene in den Schuppen führen und ihnen das Machwerk zeigen. Ihnen davon erzählen, dass, sagen wir einmal: ihre eigene „Großmama“ (mit Betonung auf der letzten Silbe) so etwas allen Ernstes noch im Laden stehen hatte:

„Guckt mal, Fritz-Luca und Klytämnestra-Sophie, wie scheiße die Leute damals noch drauf waren! Könnt ihr euch das vorstellen? Denkt mal, ihr würdet im nächsten Schaufenster ein Plakat sehen, auf dem steht: Ihr Weißen seid nichts als unzivilisierte Bimbos!?“ (Eine echte Weststadt-Großmutter würde sich selbstredend gesitteter ausdrücken.)

Aber mitten im öffentlichen Raum… bräsig zur Schau gestellt im Fenster… eines Tabak-Geschäfts?!
Ich bin geneigt so was wie „Merkste selbst, ne?“ zu schreiben, aber ganz offensichtlich merkt es die betreffende Person nicht.

Also versuche ich es noch einmal anders. Ich würde eine solche Figur aus so ziemlich demselben Grund nicht an einem solchen Ort platzieren, aus dem ich die ganze Zeit von einem Nilpferd rede. Bzw. eben nicht von einem anderen N-Wort.

Ich gebe offen zu, dass ich die N-Wort-Debatte nicht bis in ihre äußersten Verästelungen hinein verfolgt habe. Das brauche ich aber auch nicht, um zu verstehen, dass dieses Wort, wiewohl historisch belegt und aktuell existent, nichts in meinem aktiven Vokabular verloren hat. Ich kann es irgendwo in meinem hinteren Oberstübchen archivieren, aber nicht hervorholen und verwenden.

Ich bin mir zu fast 100% sicher, dass auch die Tabak-Dame keineswegs skrupellos das N-Wort aussprechen würde. Und zwar nicht nur, weil es irgendwie unfein klingt. Nicht aus bloßer „political correctness“, aus einer übertriebenen Etikette für Leute, die nichts Besseres zu tun haben als sich mit Nichtigkeiten zu beschäftigen. Sondern weil es eine reale Beleidigung und Verletzung ist, die eine viel zu lange Geschichte nicht nur rhetorischer Verletzungen in sich trägt.

Worte transportieren und konservieren die Wirklichkeit, zu der sie gehören. Worte sind Bilder der Wirklichkeit, die nicht allein abbilden, wie sie „schon immer“ gewesen ist, sondern die auch und vor allem mitbilden, wie sie jetzt ist und sein kann. Umgekehrt sind figürliche Darstellungen auch Aussagen. Sie haben eine Bedeutung, mit allen vergangenen wie gegenwärtigen Konnotationen und Zusamenhängen, die diese Bedeutung mit ausmachen.

Wenn ich also bestimmte Dinge niemals von Menschen sagen würde, warum sollte ich sie ihnen dreist als Figur vor die Nase halten?

Solange wir noch nicht in jenem fernen Utopia leben, in dem Rassismus endgültig passé ist,  und eigentlich selbst dann noch, würde ich mir eine weniger menschenfeindliche Schaufenster-Deko inmitten des Altstadt-Idylls wünschen.

Ein sympathisches Nilpferd zum Beispiel.