Mythen und Märchen im deutschen TV #3: „Das doppelte Rumpelstilzchen“ (Andreas aus „Frauentausch“ und Detlef Steves aus „Ab ins Beet“ etc.)

Es ist Klassiker-Time bei den Mythen und Märchen.

Dieses Mal möchte ich „Frauentausch“, einen echten Evergreen unter den Trash TV-Shows, in den Fokus eurer geschätzten Aufmerksamkeit rücken, und mit diesem Dauerbrenner hochkarätiger Unterhaltung eine der hervorstechendsten Gestalten, die je in dem beliebten Format in Erscheinung getreten sind… Vorhang auf und Bühne frei für: Andreas.

Dass es Zeit für so viel geballte Kultigkeit wird, verdankt sich wiederum einem absoluten Klassiker der TV-Märchencharaktere, nämlich Rumpelstilzchen.

Die Figur des jäh aufbrausenden Cholerikers erfreut sich allerspätestens seit dem HB-Männchen medial größter Beliebtheit. Warum und weshalb, darüber könnte man jetzt viel spekulieren. Ist es für das moderne Subjekt, dem (Selbst-)Kontrolle als oberstes Gebot auferlegt wird, eine Art kathartische Erfahrung, die hemmungslosen Zornes-Entladungen anderer Menschen mitzuerleben? Oder ist es einfach eine Riesen-Gaudi, einem Rumpelstilzchen dabei zuzusehen, wie es mit Schimpftiraden und ulkigen Gesten komplett ausrastet? Who knows…

Fest steht, dass in meiner persönlichen Historie fernsehbetreuten Müßiggangs ein Mann ganz klar den Rumpelstilzchen-Contest für sich entschieden hat – eben jener bereits erwähnte Andreas, der am lehrreichen RTL2-Experiment „Frauentausch“ teilgenommen hat.

Falls ihr noch nicht in den Genuss dieser Sendung gekommen seid, fasse ich euch kurz die Grundregeln zusammen: Familie 1 tauscht die Mutter mit Familie 2. Für die Dauer von zehn Tagen soll die eine in der Familie der anderen deren Rolle, Aufgaben, Strukturen usw. übernehmen. Das Ganze ist umso spannender als keine der beiden Tauschpersonen vorher weiß, wo sie landen und welche Lebensweise sie dort erwarten wird.

Nebenbei sei noch bemerkt, dass ausgerechnet RTL2 in Form von „Frauentausch“ einen so fortschrittlichen, realitätsangemessen bunten Begriff von Familie hat, wie er einem nur selten begegnet. Eine Tausch-Familie kann sich ganz traditionell aus einer Mutter-Vater-Kind(er)-Kernfamilie zusammensetzen, muss es aber nicht. Genauso gut kommen Patchwork-Familien vor und alleinerziehende Mütter, denen von den Großeltern bei der Kinderbetreuung unter die Arme gegriffen wird. Auch WGs oder WG-artige Konstrukte können mit von der Partie sein, ja sogar ein Gespann von Freund*innen mit oder ohne Kinder, die noch nicht einmal dieselbe Wohnung, wohl aber ihr Leben tagtäglich miteinander teilen.

Ähnlich flexibel wird der Begriff „Mutter“ ausgedehnt. Klar, in vielen Fällen meint er das Übliche, sprich: eine weiblich gelesene Person, die ein Kind geboren hat und sich als dessen primäre Bezugsperson um es kümmert. Prinzipiell jedoch verstehen die Frauentausch-Redakteure darunter eher so etwas wie eine bestimmte Funktion innerhalb eines Personengefüges. Die Mutter-Funktion kann dabei ohne Weiteres von einer kinderlosen Person erfüllt werden. Und, warum eigentlich nicht, auch von einem Mann.

Aber nun flugs zurück zu Andreas, der sich ganz „klassisch“ in einer Mutter-Vater-Kind-Konstellation bewegt. Frauentausch sei Dank muss er die Tauschperson bei einer Aufgabe unterstützen, die vom Schwierigkeitsgrad her in etwa mit Stroh zu Gold spinnen mithalten kann: Sie soll den Kinderchen zumindest zeitweise die Mama ersetzen.

So weit, so gut, Andreas zeigt sich die ersten Minuten lang einsatzbereit wie ein eifriger Pfadfinder. Bis die Tausch-Mutti Dinge ans Tageslicht bringt, die sie nie hätte wissen dürfen. Dass die Bude dreckig und chaotisch aussieht. Dass vor allem das Kinderzimmer in einem üblen Zustand ist. Und dann auch noch, dass das hochtoxische Putzmittel so gefährlich gar nicht ist und außerdem für etwas anderes verwendet wird als Andreas dachte.

Wie mag sie all das bloß erfahren haben? Das hat ihr sicher der Teufel gesagt!

Bei so heftigen Triggern muss Andreas ja ausrasten. Er tobt, beinahe verhalten erst, dann in stetigem Crescendo. Was ihm an Eloquenz fehlt, macht er an Explosions- und Lautstärke wieder wett.
„HALT STOPP!!“ brüllt er ein ums andere Mal, nur er selbst ist nicht mehr zu bremsen. Die Luft vibriert vom angriffslustigen Kettensägen-Schliff seiner Stimme. Die Tür knallt. Die Wand wackelt. Der Pin Up-Kalender fällt.

Zurück bleibt eine ebenso verblüffte wie leicht verängstigte Tausch-Mutti. „Wow… “ steht ihr ins Gesicht geschrieben. „Wow…“ denken wir vor den Bildschirmen.

Und viel mehr als „Wow…“ lässt sich zu diesem und den folgenden Ausbrüchen von Andreas kaum sagen. Eindrucksvoll.

An diese Manifestation purer Rumpelstilzchen-Energie heranzukommen, ist kein Leichtes. Andreas ist für mich, wie gesagt, bisher unerreicht. Dennoch möchte ich eine stabile Silbermedaille an ein weiteres cholerisches Talent vergeben, das wir aus dem Fernsehen kennen: an Detlef Steves, der seine ersten TV-Auftritte bei der VOX-Sendung „Ab ins Beet!“ hatte.

„Ab ins Beet!“ lässt uns vordergründig beobachten, wie Paare, Freunde und/oder Verwandte miteinander im Garten arbeiten. Aber das ist nur ein Vorwand. Eigentlich ist das Gärtnern bloßer Anlass für die Teilnehmenden, rhetorisch zu Hochtouren aufzulaufen und sich gegenseitig mit Sprüchen zu bombardieren.

Sich in die großartigsten Wortneuschöpfungen gekleidete Halb-Freundlichkeiten an den Kopf zu knallen, während man gemeinsam an einer Aufgabe werkelt, schafft eine tiefere Verbindung als jede Paartherapie. Oder wie Menschen sagen würden, die sich verständlicher ausdrücken: Was sich liebt, das neckt sich.

In dieser hochgradig entspannenden Sendung tauchte Detlef Steves zum ersten Mal auf den Fernsehbildschirmen auf. Detlef, auch „Deffi“ genannt, ist eine Seele von Mensch. Ein Niederrheiner, wie er im Buche steht — manchmal rauh, meistens herzlich, nie um einen Spruch verlegen.

Eigentlich will Deffi nur eine gechillte Zeit mit Frau, Hund oder seinen gefühlt Millionen von Bekannten verbringen. Wenn die eigene Kreativität oder ein Wunsch der Gattin ihn nicht dazu antreiben würden, immer wieder neue Projekte in Haus und Garten anzufangen… Die eigentliche Herausforderung für den einstigen Pizza-Bäcker ist allerdings nie die Aufgabe als solche, sondern die Ruhe zu bewahren. Das klappt so ziemlich genau nie.

Die Zuschauer*innen müssen selten lange warten, bis Vulkan Detlef beim kleinsten Anlass ausbricht. Dann wird aus dem gutmütigen Bärchen mit Kinnbart ein schimpfender Rohrspatz. Erstaunlich, was er nicht schon alles „verbimsen“ oder welchen Gegenständen er bereits „eine Kopfnuss verpassen“ wollte. Da werden Steine zur „kleinen Zicke“ und Konflikte mit nicht fallfreudigen Ästen schon mal „persönlich“ genommen.

(Ich persönlich finde das ja sehr sympathisch, wenn auch andere Menschen in einem kommunikativen Verhältnis zur Materie stehen, sogar zur unbelebten. Auch wenn sich die Kommunikation meist einseitig gestaltet. Wobei… ich weiß nicht, ob die Gegenstände mir nicht manchmal durch ihre störrische Trägheit oder ihre plötzliche Verliebtheit in die Schwerkraft doch etwas sagen wollen.)

Fluchend und wütend hat Deffi inzwischen so manches Format erobert: er hat bei „Ab in die Ruine!“ die Tücken des Heimwerkens veranschaulicht, in „Die Superchefs“ sein eigenes Restaurant eröffnet, ist bei „Detlef muss reisen“ unfreiwillig um die Welt gejettet, hat bei „Let´s Dance!“ das Tanzbein geschwungen und Clipfish mit seinen „Life Hacks“ bereichert. Wahrscheinlich hat er sich noch durch zig Projekte getobt, von denen ich nichts mitbekommen habe.

Der Original-Märchen-Choleriker wäre stolz auf Andreas und Detlef. Aber er hat definitiv noch viele andere würdige Nachfolger gefunden. Welches ist euer liebstes Fernseh-Rumpelstilzchen?

Ich bin mir sicher, dass diese TV-Figur in naher Zukunft nicht aussterben wird. Nur eines wird den Rumpelstilzchen von heute,  in Zeiten des Internets noch viel schwerer gemacht: ihre Identität dauerhaft zu verbergen.

PS: Lust auf noch mehr TV-Mythen und -Märchen? Wie wäre es mit Don Quijote oder Sisyphos?

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Mythen und Märchen im deutschen TV #3: „Das doppelte Rumpelstilzchen“ (Andreas aus „Frauentausch“ und Detlef Steves aus „Ab ins Beet“ etc.)

    1. Vielen Dank 🙂

      Mein TV-Sisyphos bzw. meine TV-Sisypha ist ja Beate aus Schwiegertochter gesucht, siehe hier:
      https://filigranesgeflecht.wordpress.com/2016/04/29/beate-schwiegertochter-gesucht/

      Spaghetti aus Mitten im Leben kenne ich leider gar nicht, müsste ich mir einmal anschauen!

      Das Ding an den TV-Mythen- und Märchen-Figuren ist für mich, dass sie wie Erzählschablonen funktionieren, die immer auf verschiedene Formate und Gestalten übertragen werden können. Gerade auch bei Sisyphos denke ich, dass Fernsehmacher*innen diese Figur gerne einmal in ihre Produktionen einweben. So dass es sicherlich viele… Sisyphoi (ob das der korrekte Plural ist?) in der Fernsehlandschaft gibt.

      Gefällt 1 Person

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