Buch Tipp: Rasha Abbas, Die Erfindung der deutschen Grammatik

Was haben Jobcenter-Beamte, Sherlock Holmes und die Apokalypse gemeinsam? Sie alle tauchen in „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ auf, Rasha Abbas´ neuem Band mit Kurzgeschichten rund um den Flüchtlingsalltag in Deutschland. Ein oft ungewöhnliches, meist vergnügliches Zusammentreffen skurriler Welten.

Mit „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ ist im März 2016 Rasha Abbas´ dritter Kurzgeschichten-Band zunächst im E-Book-Verlag mikrotext, später auch als Taschenbuch bei Orlanda erschienen. Abbas ist eine syrische Autorin und Journalistin. Derzeit lebt sie in Berlin.

Von den Abenteuern, um nicht zu sagen: kleinen Odysseen, die sie als Geflüchtete aus Syrien in unserer Hauptstadt erlebt, handeln die Erzählungen, die sie in dem etwas über 100 Seiten schmalen Bändchen versammelt. Beziehungsweise müsste es korrekter heißen, dass die Geschichten mit ganz banalen Situationen ihres Lebens, einer Wohnungsbesichtigung etwa oder einer Unterrichtsstunde im Integrationskurs, beginnen. Um sich oft zu völlig surrealen Szenarien auszuwachsen.

Mit feinem Gespür deckt Abbas die reale Absurdität kleiner Alltagsmomente auf – mit riesiger Fabulierlust steigert sie den Irrsinn ins Fantastisch-Unermessliche. Die Geschichten wirken mitunter comicartig überdreht, aber deswegen dem Ernst der Lage nicht weniger angemessen. So ist es beispielsweise erstaunlich, wie passend die Betrachtung eines Behördengangs als besonders kniffliges Videogame mit unterschiedlichen Leveln erscheint. Fast könnte man meinen, dass er auch für den*die Leser*in in dieser Sichtweise zum ersten Mal Sinn ergibt.

Ebenfalls skurril ist das Personeninventar. Abbas fährt eine Parade diversester kurioser Gestalten auf, die jedoch allesamt so oder zumindest erschreckend ähnlich in der Wirklichkeit vorkommen (könnten). Vom brummeligen Vermieter, für den alle ausländischen Namen gleich klingen, zu den beiden syrischen Freunden, die sich darum streiten, wer weniger Flüchtling ist als der andere. Vom Hipster, den man nur mit Dosenfleisch-Wasser auf Abstand halten kann, zum Dealer, der als wandelndes schlechtes Vorbild eine aufklärerische Hip Hop-Karriere hinlegt.

Abbas´ Witz mag stellenweise ziemlich bissig sein, gehässig aber ist er nicht. Das liegt daran, dass sie niemals eine bestimmte Menschengruppe allein vorführt. Vielmehr verteilt sie augenzwinkernde Spitzen in alle Richtungen. Frei nach dem Motto: wahre Toleranz ist, wenn man alle gleichermaßen durch den Kakao zieht. Nicht zuletzt sich selbst.

Wie es seit jeher die oberste Regel der Komödie ist, stellt sie dabei die Ordnung gehörig auf den Kopf. Und lässt sie so stehen. Das ist ebenso unterhaltsam wie aufschlussreich. Vor allem, wenn es um die Tücken der Selbst- und Fremdwahrnehmung geht, um Vorurteile und Neusein in einem anderen Land, einer anderen Sprache.

Mit ihren im Durchschnitt um die 10 Seiten sind die einzelnen Erzählungen nicht nur kurz, sondern auch kurzweilig. Sie eignen sich daher bestens für Zugfahrten, als Balkon- oder Baggersee-Lektüre. Das mag ungewöhnlich für ein Buch zu einem solch ernsthaften Thema sein. Manch eine*r mag sich sogar fragen: Geht denn das, auf solche Weise über einen derartigen Inhalt zu schreiben? Noch dazu in einem grellgelb-pinken Bändchen, das auf den ersten Blick seine Zugehörigkeit zur Popliteratur verrät.

Ich sag mal ganz vorsichtig: ja. Und empfehle für den Einstieg meine persönliche Lieblingsstory „Hipster-Apokalypse“.

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