Lieblingsstreberin: Flavia de Luce

Das Missy Magazine kürt in jeder neuen Ausgabe einen fiktiven Charakter zur Lieblingsstreberin. Wenn eine den Inbegriff dieses Ehrentitels verkörpert, dann ist das meiner bescheidenen Meinung nach Flavia de Luce. Ich möchte sie deshalb als meine persönliche Lieblingsstreberin ergänzen.

Flavia de Luce ist die investigative Heldin einer Krimi-Reihe des kanadischen Autors Alan Bradley. Mit ihren gerade einmal 11 Jahren ist sie alles andere als ein gewöhnliches Mädchen.

Man könnte sie vielleicht als „frühreif“ bezeichnen, aber ich bin mir unsicher, ob dieses Wort außerhalb von 70er Jahre-Aufklärungsfilmchen gebraucht wird und nicht eher missverständlich rüberkommt… Was ich sagen will: Flavia ist hochintelligent und sieht die Welt um sie herum mit klugem, kritischem Blick.

Ihre Welt ist ein ländliches England in den 1950ern. In der Nähe des Dörfchens Bishop´s Lacey lebt sie auf dem altehrwürdigen Familienanwesen Buckshaw.

Zu ihrer Familie gehört zunächst der Vater, ein Patriarch alter, gefühlsunterkühlter Schule vom Typus „Stock im Popo“. Sodann die beiden älteren Schwestern mit den gänzlich unprätentiösen Namen Daphne und Ophelia, mit denen Flavia nicht wirklich etwas anfangen kann. Die eine steckt permanent mit der Nase in Romanen, die andere ist in erster Linie mit ihrer eigenen Nase und dem Rest ihres Spiegelbilds beschäftigt. Von Geschwisterliebe spürt man wenig. Was eine Art von Beziehung zwischen den drei Mädchen stiftet, ist wenn überhaupt der Wunsch, die anderen beiden verbal oder mit Streichen so richtig in die Pfanne zu hauen. Last but not least zählt außerdem Dogger zu den Bewohnern Buckshaws, ein vom Krieg traumatisierter Freund des Vaters, der als Junge für alles des Hauses fungiert.

Über alledem schwebt der Geist der verstorbenen Mutter Harriet, einer eigensinnigen Abenteuerin, die bei einem Ausflug ins Himalaya-Gebirge ums Leben kam, als Flavia gerade einmal ein Jahr alt war. Man munkelt, unsere Protagonistin habe ihren Charakter von dieser badass Mama. Ganz sicher ist, dass sie von ihr eine unsterbliche Leidenschaft geerbt hat: die Liebe zur Chemie. Nichts bereitet Flavia mehr Freude, als über dicken Wälzern zu brüten, die sie in die Geheimnisse dieser Disziplin einweihen, und selbst im Labor zu erproben, was sich mit der Macht des Wissens und der Elemente hervorzaubern lässt. Unter den Wundern, die ihr die Chemie enthüllt, fasziniert sie vor allem eines: Gift.

„Gift?! Das ist doch nichts für liebe, brave Mädchen!“, mag man einwenden. Sehr richtig. Aber Flavia will auch nichts weniger sein als das. Das unschuldige girly girl spielt sie allerhöchstens mal, wenn es ihr strategisch nützt. Ansonsten hat sie nicht viel dafür übrig, für ein süßes Herzchen gehalten zu werden – dank ihrer Passion aber das richtige Mittel für diejenigen parat, die genau das tun:
„If there is a thing I truly despise, it is being addressed as „dearie“. When I write my magnum opus, A Treatise Upon All Poisons, and come to „Cyanide“, I am going to put under „Uses“ the phrase „Particularly efficacious in the cure of those who call one „Dearie“.“

Bereits in ihrem jungen Alter ist die Nachwuchs-Chemikerin eine überzeugte Feministin. Was bleibt einer auch anderes übrig, bei der irrsinnigen Behandlung, die die Welt Frauen und Mädchen zuteil werden lässt? Beispielsweise wenn der Kommissar sie als wichtige Zeugin nicht um einen Faktenbericht, sondern um eine Tasse Tee bittet:
„Without so much as a kiss-me-quick-and-mind-the-marmalade, the only female in sight is enlisted to trot off and see that the water is boiled… The nerve! The bloody nerve!“

Und das, obwohl sie alles hat, was es für eine wertvolle Zeugin braucht. Eine genaue Beobachtungsgabe. Einen cleveren, analytischen Kopf. Die Abgebrühtheit einer Person, die sich in brenzliger Lage fragt, was Marie-Anne Paulze Lavoisier wohl in dieser Situation getan hätte, statt die Nerven zu verlieren.

Eben dadurch eignet sie sich auch bestens als Ermittlerin mit ganz eigenen Methoden. Als solche möchte ich sie euch ans Herz legen.

Nach allem, was ich bisher geschrieben habe, könnt ihr euch sicher vorstellen, dass der Fund einer Leiche im Buckshawschen Gurkenbeet Flavia nicht völlig in Angst und Schrecken versetzt. Eher in einen Zustand kitzelnder Neugier, ja fast schon Freude. Neugierig und vorfreudig können auch die Leser*innen sein, denn damit beginnt ihr erster von bisher acht Fällen.
Das englische Original heißt „The Sweetness at the Bottom of the Pie“; in der deutschen Übersetzung lautet der Titel sinnigerweise „Mord im Gurkenbeet“ und ist bei Blanvalet erschienen.

Ich persönlich kann mich ja durchaus auch für männliche Spurensucher mittleren Alters erwärmen, die  wortkarg durch die Landschaft Skandinaviens/Großbritanniens/der USA/Frankreichs [Fehlendes bitte hier ergänzen: ______________ ] eigenbrödel-rödeln. Aber falls euch die zu langweilig sind oder ihr einfach mal Lese-Appetit auf was anderes habt – Flavia de Luce Mysteries sind eine echte Alternative.

 

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2 Gedanken zu “Lieblingsstreberin: Flavia de Luce

  1. Super rezensiert / zusammengefasst, durchdacht und gut beschrieben, sowas les ich gern.

    Und Flavia gehört auch zu meinen favorisierten Heldinnen. Habe inzwischen einige ihrer Bücher gelesen (zwei fehlen mir noch, ich lese gerne mit Abwechslung, und Flavia ist nach etwas Pause wieder dran), und sie sind alle klasse. Ein Mädel, wie ich es damals gerne zur Freundin gehabt hätte 🙂

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  2. Vielen Dank für die Blumen 🙂 Freut mich, dass dir mein Text gefallen hat!

    Stimmt, so eine wie Flavia als Freundin zu haben, wäre schlicht genial gewesen…

    Ich wünsch dir noch viel Spaß mit den beiden Flavia-Büchern!

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