Paradoxe Intervention

Der Kopf schlägt einem so manches mal ein Schnippchen.
Er pflanzt einem in den unwahrscheinlichsten Momenten die unmöglichsten Ohrwürmer ein. (Bei mir sind das gerne mal Volksmusik- und Schlager-Hits aus dem WDR 4-Programm – danke dafür, Mama!) Er reißt in den ernstesten Situationen die albernsten Zoten. Und er nimmt oft eine, nun, interessante Gedächtnisdaten-Selektion und -Erweiterung vor.

Z.B. wenn ich an die „Woche der Gewalt“ in Bayern denke. Was ist mir davon nämlich am markantesten in Erinnerung geblieben? Der brüllende Balkon-Mann.

Ich weiß, es waren de facto zwei Männer, die den Amokläufer von München in ein „Gespräch“ verwickelt haben. Mein Kopf hat sie zu einem verschmolzen und etwas aufgepimpt. Ich stelle mir diesen Menschen als einen schmerbäuchigen Bayern im weißen Feinripp-Unterhemd vor, die Bierflasche im Anschlag. Optisch weist er dabei eine nicht unbedeutende Ähnlichkeit mit dem Wachtmeister Dimpfelmoser aus dem Räuber Hotzenplotz auf, dessen Nachnamen er möglicherweise trägt. Es würde zu seinem breiten Dialekt passen. Ehrlich gesagt ziert ihn in meiner Vorstellung sogar die entsprechende Pickelhaube.

Ich finde es ja bemerkenswert, welche neuen, auf den ersten Blick widersprüchlichen Typen unsere Zeit so hervorbringt. Der Balkon-Dimpfelmoser bspw. vertritt für mich geradezu exemplarisch den Typus des stoischen Wutbürgers.

Neben dessen cholerischem Temperament, dem Hang zum Geschimpfe über alles, was er nicht kennt und einzuschätzen weiß, besticht er vor allem durch eins: seine unerschütterliche Unbeirrbarkeit. Von albernen Kleinigkeiten wie Fakten, Empathie oder Differenziertheit lässt er sich ohnehin nicht durcheinander bringen. Aber auch vermeintlich größere Hindernisse wie die Gefahr für Leib und Leben lassen ihn im Grunde kalt.

So beschreitet er ganz neue Verhaltenspfade. Ein wild schießender Amokläufer taucht direkt vor seiner Nase auf? Warum nicht mal mit der Bierflasche schmeißen und ihn als „Scheiß-Kanacke!“ beleidigen, „fremdländisch“ wie er ausschaut.

Während ich feststelle, dass in „unbeirrbar“ beinahe „irre“ drinsteckt und noch abwäge, ob ich die Reaktion meines Kopfkino-Dimpfelmosers nun wahnwitzig oder bemerkenswert finden soll, erfahre ich: Der Mann hat alles richtig gemacht. Sagt Deeskalations-Trainer Heinz Kraft (ja, der heißt wirklich so). Beklopptheit kann also auch für den Notfall rüsten.

Wichtig sei in einer solchen Situation nämlich, den Täter zu irritieren. Da bietet es sich natürlich an, völlig paradox zu handeln. Man solle zum Beispiel an einem Mittwoch behaupten: „Heute ist Donnerstag und donnerstags wird nicht geschossen.“ Darüber kommt der Täter ins Grübeln und antwortet unter Umständen „Aber heute ist doch Mittwoch!“ Aus dem Konzept gebracht ist er auf jeden Fall, und wenn es nur einige (wertvolle!) Sekunden dauert.

Potenzielle Amoktäter sind leider oft nicht dumm und viel im Netz unterwegs, wo sie sich alles Mögliche zu diesem Thema durchlesen. Ich erwische mich allen Ernstes dabei, wie ich mich frage: Wenn so ein gefährdeter Mensch das jetzt im Interview liest und sich als Abwehrstrategie potenzieller Opfer merkt… wäre es dann irgendwann eine angemessene Reaktion an einem Mittwoch zu sagen „Heute ist Mittwoch und mittwochs wird nicht geschossen“, weil der Täter dadurch irritiert wird, dass man ihn nicht zu irritieren versucht und entgegen seiner Annahme den richtigen Wochentag nennt, wo er fest mit dem falschen gerechnet hatte?

Ähm tja… Ob das ein Versuch meines Geistes ist, paradox zu intervenieren? Indem er angesichts beunruhigender Themen dermaßen quatschige Frage-Blüten treibt und mir die zeitgemäß upgedatete Wachtmeister-Figur eines Kinderbuches in die Hirnwindungen setzt?

Wäre nicht das erste Mal, dass er solche Scherze veranstaltet.

 

 

 

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