Mythen und Märchen im deutschen TV #4: Dornröschen („Der Bachelor“)

Das Bild zeigt vor schwarzem Hintergrund eine rote Rose, wie der Bachelor sie den Kandidatinnen seiner Gunst in der gleichnamigen RTL-Sendung überreicht.

Zeiten ändern dich! Davon kann Dornröschen ein Lied singen. Aus dem  verwunschenen Fräulein ist über die Jahrhunderte ein verwöhntes Bürschlein geworden. Dieses postmoderne Märchen-Surrogat lässt sich nicht mehr bei Grimm nachlesen, sondern bei der RTL Sendung „Der Bachelor“ am Bildschirm mitverfolgen.

Es war einmal ein Traumprinz, der als Dornröschen-Reinkarnation geboren wurde – allein, seine Story sollte das gute alte Märchen fürchterlich durcheinander wirbeln.

Diesen Prinzen hatten vielleicht schrecklich in ihn vernarrte Feen, vielleicht auch nur ein Cocktail aus guten Genen und einem kräftigen Schuss Glück mit allerlei Gaben gesegnet: Er war schön wie die Morgenröte, muskulös und kräftig wie Herkules, von unbetrübbar sonnigem Gemüt und unwiderstehlichem Charme, leidlich wohlhabend und allseits beliebt.

Bachelor Sebastian: 2017 nominiert für seine Rolle als „Der Gestochene“

Jedoch verdammte vielleicht eine böse Fee, vielleicht auch nur der hedonistische Zeitgeist unseren jungen Prinzen dazu, spätestens an seinem 16. Geburtstag von der Tarantel gestochen zu werden.
Statt in hundertjährigem Schlummer zu versinken, wurde er vom Dauerrausch der Rastlosigkeit ergriffen. So rannte er immer intensiveren Reizen und Genüssen hinterher, wollte stets höher, weiter, schneller und vor allem: mehr.

Aus dieser gierigen Hyperaktivität kann ihn jetzt nur die wahre Liebe befreien. Nur die einzig würdige Prinzessin kann ihm das ruhige, vielleicht sogar ein bisschen öde-einschläfernde Lebensglück der romantischen Zweierbeziehung schenken.

Aber dazu muss sie natürlich erst einmal unter Mühen und Qualen zu ihm finden. Anders als für den Grimmschen Retter gilt es für die RTL-Prinzessin nicht, in das Schloss hinein-, sondern aus diesem (sprich: der Kandidatinnen-Villa) hinaus zu ihrem Prinzen zu gelangen, um dessen Herz zu erobern.

Dabei stellt sich der künftigen Angebeteten so manch dorniges Gewächs entgegen. Doch sind es längst nicht mehr Rosen, die ihr den Weg verbarrikadieren, denn sie muss ja ausgerechnet diese Blumen sammeln, um den Prinzen zu erreichen. Vielmehr säumt eine unüberschaubare Zahl ebenso spitznageliger wie -züngiger Konkurrentinnen ihren Weg.

„Der Bachelor“ – die Entscheidung… oder doch nicht?

Vollends verwirrend wird es dann beim letzten Schritt: dem erlösenden Kuss. Ereignete sich dieser bei Grimm ausschließlich, nachdem sich der eine wahrhaft liebende Prinz als solcher erwiesen hatte und bedeutete somit das Ende aller Mühsal, kommt unser aktuelles Dornröschen aus dem Küssen gar nicht mehr heraus.

Der Höhepunkt der Romantik, das Ziel allen Sehnens führt sich selbst ad absurdum, indem es sich schier ad infitnitum wiederholt. Ein einmaliger Hollywood-reifer Moment reiht sich an den nächsten. Schon ironisch, wenn das holde Burschi durch ein derartiges Überangebot vor der Reizüberflutung gerettet werden soll.

Wer blickt da noch durch?

Happy End

Schließlich unterscheidet sich Prinz Sebastian samt seinen Prinzessinnen von Grimms Original noch dadurch, dass erstere nicht im La-La-Land romantischer Hoffnung, sondern vor allem auch auf der Metaebene wohnen.

Während sie die naiven Liebeshungrigen geben, sind sie sich in jedem Moment des (Schau-)Spiels bewusst.  Denn weit mehr als um die wahre Liebe geht es  um die Ware Popularität, die den Wettbewerbs-Teilnehmer*innen zu C- bis Z-Prominenz und zur Eintrittskarte für das nächste Dschungelcamp verhelfen soll.

Wenn sich tatsächlich zwei Menschen beim Bachelor ineinander verlieben, gehört das eher zu den unerwarteten Nebenwirkungen dieser Sendungen. Wie etwa Megan Marx und Tiffany Scanlon, die in der australischen Ausgabe der TV-Show eigentlich um das Herz des Junggesellen buhlen wollten und sich am Ende füreinander entschieden.

Oder ob das bloß ein weiterer PR-Gag war? Wer vermag das schon zu sagen, im tiefen Dickicht des Fernseh-Märchenwalds…

 

Sexistische Kackwerbung – Teil 6: Naketano

Wenn mir wie heute Morgen ein Stellenangebot des Serengeti-Parks Hodenhagen ins E-Mail-Postfach flattert, dann mag das Realsatire sein… Aber immerhin haben sich die betreffenden Menschen den Ortsnamen nicht selbst ausgesucht.

Im Unterschied zu den Leutchen von Naketano, die mit Produktnamen wie „Pimmels in Space“ oder „Bück dich Bruder“ brillieren. Obwohl es dieses Mal also nicht direkt um Werbung und eher um Sexismus im geläufigen, aber nicht ganz korrekten Sinne geht, muss ich dazu unbedingt meinen Kommentar loswerden.

Die Bezeichnung und Beschreibung eines Produkts soll selbiges, wie Werbung auf verschiedenen Kanälen, im besten Fall schmackhaft machen. Ob das mit einer Jacke namens „Besamungsgerät“ oder der Jogginghose „Schnellbumser“ gelingt? Ich wage es zu bezweifeln.

Zumal Naketano meines Wissens nach nicht unbedingt pubertierende Möchtegern-Gangster als Zielgruppe fokussiert. Mich persönlich schreckt es jedenfalls eher ab. Will ich wirklich „dünne Eier“ in den Warenkorb stecken, auch wenn es sich dabei unerwarteterweise um eine schicke Jacke handelt? Vielleicht entscheide ich mich am Ende doch für das Produkt, weil es mir als solches gefällt. Aber einen merkwürdigen Beigeschmack hinterlässt das sprachliche Kraftgemeiere schon.

Um es ganz klar zu sagen: Ich empfinde die Produktnamen nicht als (womöglich noch gewagte) Provokation. Ich fühle mich von ihnen eher angenervt und peinlich von Fremdscham berührt.

Ich finde die Phallozentrik der Namensgebung auch… bemerkenswert. Von einer Obsession für männliche Genitalien zu sprechen, erscheint mir in diesem Zusammenhang fast noch untertrieben. Ist vielleicht irgendwo ein Penis-und-Hoden-Synonym-Wettbewerb ausgeschrieben worden, von dem ich noch nichts wusste?

Das wäre zumindest eine Erklärung für das Arsenal unterschiedlicher „Pimmel“ (die bereits erwähnten „Pimmels in Space“, „Supapimmel“, „Discopimmel“, „Palaverpimmelprinz Pimped“…). Dafür, dass neben den „dünnen Eiern“ auch „dicke Eier“ in unsere Kleiderschränke wandern sollen oder dass uns die „Kobragurke“, „diese Nüsse“, „4 gegen Willi“ und „Schwanzus Longus“ feilgeboten werden.
Selbst wenn mir vereinzelte Bezeichnungen unter Umständen noch malgré moi ein Schmunzeln abringen würden, wird es durch die schiere Ballung der Blödeleien unerträglich.

Neulich bin ich darauf hingewiesen worden, dass Naketano für Frauen mehr als bloße Albernheit bereithält. Die haben nämlich beispielsweise die Wahl, ob sie lieber „Schmusibumsi“ oder doch „Pallaverolle“ haben bzw. sein wollen, dürfen „Herzchen nimm mich jetzt“ mit ihrem Shirt ausstrahlen oder bekommen die Botschaft mit auf den Weg: „Du musst straff sein“. Und das ist dann wirklich handfeste sexistische Kacke.

 

PS: Ich finde diese Misere umso tragischer als die Naketano-Klamotten für meinen Geschmack ziemlich fetzen. Eigentlich wird es Zeit für die… Jungs nehm ich jetzt mal an, sich eine neue Fachkraft für Produkttexte anzulachen, die wirklich witzig und weniger ungeil wirken. Ich würde mich da auch ganz selbstlos anbieten, bin unter filigranes.geflecht@web.de jederzeit zu erreichen 😉