Mythen und Märchen im deutschen TV #4: Dornröschen („Der Bachelor“)

Das Bild zeigt vor schwarzem Hintergrund eine rote Rose, wie der Bachelor sie den Kandidatinnen seiner Gunst in der gleichnamigen RTL-Sendung überreicht.

Zeiten ändern dich! Davon kann Dornröschen ein Lied singen. Aus dem  verwunschenen Fräulein ist über die Jahrhunderte ein verwöhntes Bürschlein geworden. Dieses postmoderne Märchen-Surrogat lässt sich nicht mehr bei Grimm nachlesen, sondern bei der RTL Sendung „Der Bachelor“ am Bildschirm mitverfolgen.

Es war einmal ein Traumprinz, der als Dornröschen-Reinkarnation geboren wurde – allein, seine Story sollte das gute alte Märchen fürchterlich durcheinander wirbeln.

Diesen Prinzen hatten vielleicht schrecklich in ihn vernarrte Feen, vielleicht auch nur ein Cocktail aus guten Genen und einem kräftigen Schuss Glück mit allerlei Gaben gesegnet: Er war schön wie die Morgenröte, muskulös und kräftig wie Herkules, von unbetrübbar sonnigem Gemüt und unwiderstehlichem Charme, leidlich wohlhabend und allseits beliebt.

Bachelor Sebastian: 2017 nominiert für seine Rolle als „Der Gestochene“

Jedoch verdammte vielleicht eine böse Fee, vielleicht auch nur der hedonistische Zeitgeist unseren jungen Prinzen dazu, spätestens an seinem 16. Geburtstag von der Tarantel gestochen zu werden.
Statt in hundertjährigem Schlummer zu versinken, wurde er vom Dauerrausch der Rastlosigkeit ergriffen. So rannte er immer intensiveren Reizen und Genüssen hinterher, wollte stets höher, weiter, schneller und vor allem: mehr.

Aus dieser gierigen Hyperaktivität kann ihn jetzt nur die wahre Liebe befreien. Nur die einzig würdige Prinzessin kann ihm das ruhige, vielleicht sogar ein bisschen öde-einschläfernde Lebensglück der romantischen Zweierbeziehung schenken.

Aber dazu muss sie natürlich erst einmal unter Mühen und Qualen zu ihm finden. Anders als für den Grimmschen Retter gilt es für die RTL-Prinzessin nicht, in das Schloss hinein-, sondern aus diesem (sprich: der Kandidatinnen-Villa) hinaus zu ihrem Prinzen zu gelangen, um dessen Herz zu erobern.

Dabei stellt sich der künftigen Angebeteten so manch dorniges Gewächs entgegen. Doch sind es längst nicht mehr Rosen, die ihr den Weg verbarrikadieren, denn sie muss ja ausgerechnet diese Blumen sammeln, um den Prinzen zu erreichen. Vielmehr säumt eine unüberschaubare Zahl ebenso spitznageliger wie -züngiger Konkurrentinnen ihren Weg.

„Der Bachelor“ – die Entscheidung… oder doch nicht?

Vollends verwirrend wird es dann beim letzten Schritt: dem erlösenden Kuss. Ereignete sich dieser bei Grimm ausschließlich, nachdem sich der eine wahrhaft liebende Prinz als solcher erwiesen hatte und bedeutete somit das Ende aller Mühsal, kommt unser aktuelles Dornröschen aus dem Küssen gar nicht mehr heraus.

Der Höhepunkt der Romantik, das Ziel allen Sehnens führt sich selbst ad absurdum, indem es sich schier ad infitnitum wiederholt. Ein einmaliger Hollywood-reifer Moment reiht sich an den nächsten. Schon ironisch, wenn das holde Burschi durch ein derartiges Überangebot vor der Reizüberflutung gerettet werden soll.

Wer blickt da noch durch?

Happy End

Schließlich unterscheidet sich Prinz Sebastian samt seinen Prinzessinnen von Grimms Original noch dadurch, dass erstere nicht im La-La-Land romantischer Hoffnung, sondern vor allem auch auf der Metaebene wohnen.

Während sie die naiven Liebeshungrigen geben, sind sie sich in jedem Moment des (Schau-)Spiels bewusst.  Denn weit mehr als um die wahre Liebe geht es  um die Ware Popularität, die den Wettbewerbs-Teilnehmer*innen zu C- bis Z-Prominenz und zur Eintrittskarte für das nächste Dschungelcamp verhelfen soll.

Wenn sich tatsächlich zwei Menschen beim Bachelor ineinander verlieben, gehört das eher zu den unerwarteten Nebenwirkungen dieser Sendungen. Wie etwa Megan Marx und Tiffany Scanlon, die in der australischen Ausgabe der TV-Show eigentlich um das Herz des Junggesellen buhlen wollten und sich am Ende füreinander entschieden.

Oder ob das bloß ein weiterer PR-Gag war? Wer vermag das schon zu sagen, im tiefen Dickicht des Fernseh-Märchenwalds…

 

Comedy aus Down Under: “ The Wizards of Aus“

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Fantasy meets Fremdenfeindlichkeit im Menschenreich: Die australische Serie „The Wizards of Aus“ bringt nicht nur Nerds zum Lachen. Und zeigt, dass selbst Magier es als Einwanderer nicht leicht haben.

Zurzeit kann ich eines unbedingt gebrauchen: eine großzügige Prise Komik. Und natürlich Zauberer.

Ich habe da nämlich seit Tagen diesen verrückten Traum, aus dem ich nicht so recht aufwachen will. Er handelt davon, dass ein offen rassistischer, misogyner, behindertenfeindlicher, homophober Horror-Clown zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Wirklich schaurig.

Wenn schon Fabelwesen, dann doch lieber die von der gutmütigen Sorte. So wie Magier Jack, der von Filmemacher Michael Shanks in dessen Anfang dieses Jahres im australischen TV erstausgestrahlten Comedy-Serie „The Wizards of Aus“ verkörpert wird.

Es ist ein einziges überzogenes Gemetzel im Zauberreich. Jack hat die Nase bis obenhin voll von Schlachtengetümmel, Kriegsgeschrei und Blutrausch. Von der Dummheit seiner verschiedenartigen Mitwesen einmal ganz zu schweigen. So beschließt er, sein Lebensglück im vermeintlich friedfertigeren Melbourne zu suchen.

Er kann ja nicht ahnen, dass ihn dort ebenfalls beachtliche Herausforderungen erwarten. Die Hürden der Bürokratie und das ein oder andere Stolpersteinchen beim Speed-Dating gehören da noch zu den kleineren Übeln.

Sich nahtlos in die australische Gesellschaft einfügen – nicht leicht mit Flammenschädel oder ohne Haut

Schlimmer ist das mehr oder weniger verhohlene Misstrauen der Menschen gegenüber spitzhütigen Fremdlingen wie ihm. Diese Skepsis kann sich ganz unterschiedlich äußern, in „interessierten“ Nachfragen zu den Gepflogenheiten seines Heimatreiches, offener Diskrimierung am Arbeitsplatz oder Politiker-Hetze. Gerne wird Jack auch als „aufregender Exot“ ganz enthusiastisch dazu aufgefordert, seine Zauberkünste zu demonstrieren.

Dabei will er die doch gerade aufgeben. Er bemüht sich redlich, jegliche Eigenarten der Zauberreich-Bewohner abzulegen und sich brav seiner neuen Umgebung anzupassen, mit stets bedröppeltem Blick ob der vielen Hindernisse, die ihm begegnen.

Dazu zählen nicht zuletzt auch andere nach Australien emigrierte magische Kreaturen, die sich weniger darum scheren, so „vorbildlich unauffällig“ wie Jack zu sein. Allen voran sein alter Widersacher Skulldrich (Mark Bonanno), der nicht allzu viel von Assimilation hält. Sehr vorsichtig ausgedrückt.

Neben Szenen aus Jacks aktuellem Leben in Australien gibt es auch ziemlich ulkige Rückblenden vergangener Erlebnisse im Zauberreich. Inklusive großartiger ironischer Seitenhiebe auf Fantasy-Klischees sowie Anspielungen auf berühmte Exemplare des Genres.

Aber man muss nicht zwingend ein Fan einschlägiger Literatur und Filme sein, um „The Wizards of Aus“ goutieren zu können.. Es reicht völlig, einen etwas schrägen Humor zu haben.

 

 

Kurzfilm: „Curmudgeons“

Hollywood-Schauspieler Danny DeVito als Regisseur und Protagonist eines herzerwärmenden Kurzfilms über zwei herrlich kauzige Senioren mit einer ganz besonderen Beziehung

Ihr kennt doch sicher alle Grumpy Cat, dieses – wie der Name schon sagt – nicht gerade sonnig dreinblickende Katzenviech. Kurioserweise hat besagtes Viech mit dem „not amused“-Ausdruck auf viele Leute, inklusive meiner Wenigkeit, eine ganz ähnliche Wirkung wie die strahlendsten und cutesten Exemplare seiner Gattung: Grumpy Cat macht glücklich. Bei soviel demonstrativ an den Tag gelegter Miesepetrigkeit muss man einfach schmunzeln. Ein so süß angepisstes Schnäuzchen lädt schlicht zum „Dutzidutzi“-Machen ein.

Ungefähr so verhält es sich auch mit den beiden alten „Curmudgeons“ (engl. „Brummbären, Griesgrame“) Ralphie und Jackie in Danny DeVitos gleichnamigem neuen Kurzfilm. Man muss sie lieben.

Ralphie, gespielt vom inzwischen leider verstorbenen David Margulies, lebt im Altersheim. Dort bekommt er ausnahmsweise Besuch von seiner Enkelin, die mit dem Ficus unterm Arm spontan vor der Tür steht. Er: im Heim abgestellt vom allzu beschäftigten Sohn. Sie: gerade frisch von ihrem Partner verlassen. Es könnte ein desolates Szenario sein. Wenn Ralphie nicht so ein unverwüstlicher „grumpy son of a bitch“ wäre.

Und wenn es nicht einen weiteren unerwarteten Besuch gäbe. Denn Ralphies große Liebe Jackie (DeVito) gibt sich ebenfalls ein Stelldichein. Im Gepäck hat er die schönste Überraschung dieses an unvorhergesehenen Ereignissen reichen Tages.

Mehr möchte ich gar nicht verraten…

Wenn ihr euch also ob des düsteren Novembers etwas melancholisch fühlt und ein Viertelstündchen Zeit habt, tut euch selbst was Gutes und schaut in diese liebevoll gemachte kleine Dramedy. Es lohnt sich.

 

 

 

 

Teutonische Ghostbusters?!?

Der verspätete Sommer scheint gerade ein kurzes Päuschen einzulegen. Der Himmel trübgrau bewölkt. Was könnte es an so einem Tag Fantastischeres geben als unbeschwertes Popcorn-Kino mit der richtigen Mischung aus Action, Krawumm und Humor?

Ich wüsste auch schon sehr genau, welches filmische Vergnügen ich (eigentlich schon seit Wochen) am liebsten genießen würde. Und doch ist die Erfüllung meiner Wunschträume in weiter Ferne. Jetzt auch so geographisch betrachtet.

Es handelt sich nämlich um Ghostbusters. Präziser gesagt: um Ghostbusters in der OV. Irgendwie sehe ich es bei vielen Filmen so gar nicht ein, mir die doofe deutsche Synchro reinzuziehen. Was normalerweise auch kein Problem ist, zeigen die hiesigen Kinos doch durchaus die englischssprachigen Originale.

Nicht so in diesem Fall. Abgesehen davon, dass schon die deutsche Version nur zu abwegigen Zeiten wie 14.10 oder 22.15 läuft, kann man sich die OV offenbar komplett abschminken. Wenn ich bei meinen zunehmend genervten Recherchen nicht irgendwas übersehen habe, in sämtlichen Städten, die sich einigermaßen für mich in Reichweite befinden. Wahrscheinlich müsste ich dafür einen London-Trip einplanen. Es ist ein Elend!

Nun enthält die unterhaltsame Geisterjagd eigentlich alle Zutaten, die ein Kino-Plaisir braucht. Dass trotzdem vonseiten der Lichtspielhäuser nicht mit einem Run auf den Film gerechnet wird, kann im Grunde nur eine Ursache haben: Die Protagonisten sind ausnahmsweise einmal Protagonistinnen.

Prima Sache, könnte man jetzt denken: weibliche Heldinnen, die mal selber zur Tat schreiten, statt gerettet zu werden, und dabei auch nicht mit irgendwelchen Typen oder ihrem Äußeren beschäftigt sind. Allein schon der Abwechslung halber erfrischend. Aber anscheinend wollen viele das nicht sehen.

Auch im Jahr 2016 gewinnt man bisweilen den Eindruck, dass es immer noch kaum etwas exotischeres gibt als diese ca. 50% der Menschheit ausmachende „Minderheit“ der Frauen. Tja.

 

Mythen und Märchen im deutschen TV #3: „Das doppelte Rumpelstilzchen“ (Andreas aus „Frauentausch“ und Detlef Steves aus „Ab ins Beet“ etc.)

Es ist Klassiker-Time bei den Mythen und Märchen.

Dieses Mal möchte ich „Frauentausch“, einen echten Evergreen unter den Trash TV-Shows, in den Fokus eurer geschätzten Aufmerksamkeit rücken, und mit diesem Dauerbrenner hochkarätiger Unterhaltung eine der hervorstechendsten Gestalten, die je in dem beliebten Format in Erscheinung getreten sind… Vorhang auf und Bühne frei für: Andreas.

Dass es Zeit für so viel geballte Kultigkeit wird, verdankt sich wiederum einem absoluten Klassiker der TV-Märchencharaktere, nämlich Rumpelstilzchen.

Die Figur des jäh aufbrausenden Cholerikers erfreut sich allerspätestens seit dem HB-Männchen medial größter Beliebtheit. Warum und weshalb, darüber könnte man jetzt viel spekulieren. Ist es für das moderne Subjekt, dem (Selbst-)Kontrolle als oberstes Gebot auferlegt wird, eine Art kathartische Erfahrung, die hemmungslosen Zornes-Entladungen anderer Menschen mitzuerleben? Oder ist es einfach eine Riesen-Gaudi, einem Rumpelstilzchen dabei zuzusehen, wie es mit Schimpftiraden und ulkigen Gesten komplett ausrastet? Who knows…

Fest steht, dass in meiner persönlichen Historie fernsehbetreuten Müßiggangs ein Mann ganz klar den Rumpelstilzchen-Contest für sich entschieden hat – eben jener bereits erwähnte Andreas, der am lehrreichen RTL2-Experiment „Frauentausch“ teilgenommen hat.

Falls ihr noch nicht in den Genuss dieser Sendung gekommen seid, fasse ich euch kurz die Grundregeln zusammen: Familie 1 tauscht die Mutter mit Familie 2. Für die Dauer von zehn Tagen soll die eine in der Familie der anderen deren Rolle, Aufgaben, Strukturen usw. übernehmen. Das Ganze ist umso spannender als keine der beiden Tauschpersonen vorher weiß, wo sie landen und welche Lebensweise sie dort erwarten wird.

Nebenbei sei noch bemerkt, dass ausgerechnet RTL2 in Form von „Frauentausch“ einen so fortschrittlichen, realitätsangemessen bunten Begriff von Familie hat, wie er einem nur selten begegnet. Eine Tausch-Familie kann sich ganz traditionell aus einer Mutter-Vater-Kind(er)-Kernfamilie zusammensetzen, muss es aber nicht. Genauso gut kommen Patchwork-Familien vor und alleinerziehende Mütter, denen von den Großeltern bei der Kinderbetreuung unter die Arme gegriffen wird. Auch WGs oder WG-artige Konstrukte können mit von der Partie sein, ja sogar ein Gespann von Freund*innen mit oder ohne Kinder, die noch nicht einmal dieselbe Wohnung, wohl aber ihr Leben tagtäglich miteinander teilen.

Ähnlich flexibel wird der Begriff „Mutter“ ausgedehnt. Klar, in vielen Fällen meint er das Übliche, sprich: eine weiblich gelesene Person, die ein Kind geboren hat und sich als dessen primäre Bezugsperson um es kümmert. Prinzipiell jedoch verstehen die Frauentausch-Redakteure darunter eher so etwas wie eine bestimmte Funktion innerhalb eines Personengefüges. Die Mutter-Funktion kann dabei ohne Weiteres von einer kinderlosen Person erfüllt werden. Und, warum eigentlich nicht, auch von einem Mann.

Aber nun flugs zurück zu Andreas, der sich ganz „klassisch“ in einer Mutter-Vater-Kind-Konstellation bewegt. Frauentausch sei Dank muss er die Tauschperson bei einer Aufgabe unterstützen, die vom Schwierigkeitsgrad her in etwa mit Stroh zu Gold spinnen mithalten kann: Sie soll den Kinderchen zumindest zeitweise die Mama ersetzen.

So weit, so gut, Andreas zeigt sich die ersten Minuten lang einsatzbereit wie ein eifriger Pfadfinder. Bis die Tausch-Mutti Dinge ans Tageslicht bringt, die sie nie hätte wissen dürfen. Dass die Bude dreckig und chaotisch aussieht. Dass vor allem das Kinderzimmer in einem üblen Zustand ist. Und dann auch noch, dass das hochtoxische Putzmittel so gefährlich gar nicht ist und außerdem für etwas anderes verwendet wird als Andreas dachte.

Wie mag sie all das bloß erfahren haben? Das hat ihr sicher der Teufel gesagt!

Bei so heftigen Triggern muss Andreas ja ausrasten. Er tobt, beinahe verhalten erst, dann in stetigem Crescendo. Was ihm an Eloquenz fehlt, macht er an Explosions- und Lautstärke wieder wett.
„HALT STOPP!!“ brüllt er ein ums andere Mal, nur er selbst ist nicht mehr zu bremsen. Die Luft vibriert vom angriffslustigen Kettensägen-Schliff seiner Stimme. Die Tür knallt. Die Wand wackelt. Der Pin Up-Kalender fällt.

Zurück bleibt eine ebenso verblüffte wie leicht verängstigte Tausch-Mutti. „Wow… “ steht ihr ins Gesicht geschrieben. „Wow…“ denken wir vor den Bildschirmen.

Und viel mehr als „Wow…“ lässt sich zu diesem und den folgenden Ausbrüchen von Andreas kaum sagen. Eindrucksvoll.

An diese Manifestation purer Rumpelstilzchen-Energie heranzukommen, ist kein Leichtes. Andreas ist für mich, wie gesagt, bisher unerreicht. Dennoch möchte ich eine stabile Silbermedaille an ein weiteres cholerisches Talent vergeben, das wir aus dem Fernsehen kennen: an Detlef Steves, der seine ersten TV-Auftritte bei der VOX-Sendung „Ab ins Beet!“ hatte.

„Ab ins Beet!“ lässt uns vordergründig beobachten, wie Paare, Freunde und/oder Verwandte miteinander im Garten arbeiten. Aber das ist nur ein Vorwand. Eigentlich ist das Gärtnern bloßer Anlass für die Teilnehmenden, rhetorisch zu Hochtouren aufzulaufen und sich gegenseitig mit Sprüchen zu bombardieren.

Sich in die großartigsten Wortneuschöpfungen gekleidete Halb-Freundlichkeiten an den Kopf zu knallen, während man gemeinsam an einer Aufgabe werkelt, schafft eine tiefere Verbindung als jede Paartherapie. Oder wie Menschen sagen würden, die sich verständlicher ausdrücken: Was sich liebt, das neckt sich.

In dieser hochgradig entspannenden Sendung tauchte Detlef Steves zum ersten Mal auf den Fernsehbildschirmen auf. Detlef, auch „Deffi“ genannt, ist eine Seele von Mensch. Ein Niederrheiner, wie er im Buche steht — manchmal rauh, meistens herzlich, nie um einen Spruch verlegen.

Eigentlich will Deffi nur eine gechillte Zeit mit Frau, Hund oder seinen gefühlt Millionen von Bekannten verbringen. Wenn die eigene Kreativität oder ein Wunsch der Gattin ihn nicht dazu antreiben würden, immer wieder neue Projekte in Haus und Garten anzufangen… Die eigentliche Herausforderung für den einstigen Pizza-Bäcker ist allerdings nie die Aufgabe als solche, sondern die Ruhe zu bewahren. Das klappt so ziemlich genau nie.

Die Zuschauer*innen müssen selten lange warten, bis Vulkan Detlef beim kleinsten Anlass ausbricht. Dann wird aus dem gutmütigen Bärchen mit Kinnbart ein schimpfender Rohrspatz. Erstaunlich, was er nicht schon alles „verbimsen“ oder welchen Gegenständen er bereits „eine Kopfnuss verpassen“ wollte. Da werden Steine zur „kleinen Zicke“ und Konflikte mit nicht fallfreudigen Ästen schon mal „persönlich“ genommen.

(Ich persönlich finde das ja sehr sympathisch, wenn auch andere Menschen in einem kommunikativen Verhältnis zur Materie stehen, sogar zur unbelebten. Auch wenn sich die Kommunikation meist einseitig gestaltet. Wobei… ich weiß nicht, ob die Gegenstände mir nicht manchmal durch ihre störrische Trägheit oder ihre plötzliche Verliebtheit in die Schwerkraft doch etwas sagen wollen.)

Fluchend und wütend hat Deffi inzwischen so manches Format erobert: er hat bei „Ab in die Ruine!“ die Tücken des Heimwerkens veranschaulicht, in „Die Superchefs“ sein eigenes Restaurant eröffnet, ist bei „Detlef muss reisen“ unfreiwillig um die Welt gejettet, hat bei „Let´s Dance!“ das Tanzbein geschwungen und Clipfish mit seinen „Life Hacks“ bereichert. Wahrscheinlich hat er sich noch durch zig Projekte getobt, von denen ich nichts mitbekommen habe.

Der Original-Märchen-Choleriker wäre stolz auf Andreas und Detlef. Aber er hat definitiv noch viele andere würdige Nachfolger gefunden. Welches ist euer liebstes Fernseh-Rumpelstilzchen?

Ich bin mir sicher, dass diese TV-Figur in naher Zukunft nicht aussterben wird. Nur eines wird den Rumpelstilzchen von heute,  in Zeiten des Internets noch viel schwerer gemacht: ihre Identität dauerhaft zu verbergen.

PS: Lust auf noch mehr TV-Mythen und -Märchen? Wie wäre es mit Don Quijote oder Sisyphos?

 

 

 

 

Feminist Turn bei Game of Thrones?

!!! — SPOILER-ALERT — !!!

Frauen haben bei Game of Thrones in der Regel nicht viel zu lachen. (Aber wer hat das schon?!) Wie war das doch gleich: die Serie sei ein „mittelalterliches rape culture-Disneyland“; so oder so ähnlich erinnere ich mich gelesen zu haben. Dem lässt sich leider nicht ganz widersprechen.

Aber sollte es vielleicht Genugtuung und Gerechtigkeit für Westeros´ holde Weiblichkeit in Form eines (Re-)Empowerment starker Frauen-Figuren geben? Die gigantische letzte Folge der aktuellen Staffel, „Battle of Bastards“, deutet mehr denn je darauf hin.

Daenerys zeigt den Masters von Slavers´ Bay endgültig, wo der Hammer hängt – wer nicht hören will, muss brennen. Jedes Mal, wenn sie auf ihrem Drachen durch die Lüfte braust, ertappe ich mich dabei, wie ich zum Fan-Boy mutiere und sie innerlich Targaryen-rote Pompoms wedelnd anfeuere: „You go, girl! Daenerys Stormborn for Queen of Westeros!“ [Das habe ich hier bereits angedeutet.]

Als ob die lässige Rückeroberung Mereens nicht schon großartig genug wäre, verschwestert sich Daenerys außerdem noch mit einer weiteren coolen Sau unter den weiblichen Heldinnen, mit Yara Greyjoy. Die spricht bei der Mother of Dragons vor, um dieser ihre Unterstützung im Kampf um den Eisernen Thron zu offerieren und von ihr im Gegenzug Hilfe bei der Wiedergewinnung ihrer Heimat zu erbitten.

Denn Yara sieht es so gar nicht ein, von ihrem rechtmäßigen Anspruch auf die Herrschaft über die Iron Islands abzurücken. Bloß weil ihr misogyner Onkel meint, einen auf dicke Hose und jedem bzw. jeder – Daenerys inbegriffen – seinen darin befindlichen „big cock“ unter die Nase halten zu müssen. Gemeinsam beschließen die beiden Heroinnen daher, die leidige Unsitte abzuschaffen, Frauen das Zepter entweder gar nicht erst zu übergeben oder es ihnen notfalls wieder aus der Hand zu reißen.

Interessanterweise erfahren wir in dieser Staffel auch, dass Yara sich zu Frauen hingezogen fühlt, während sie in der Roman-Vorlage noch männliche Geliebte hat. In der Serie nun begehrt sie also Frauen, und geht dabei, wie schon auf dem Schlachtfeld, nicht weniger offensiv als die ihr untergebenen Mannen zur Sache.

Dies und ein eindeutig-zweideutiger Spruch sorgen derzeit unter den Fans für Entzücken und Spekulationen darüber, welcher Art das Verhältnis von Daenerys und Yara wohl sein oder noch werden mag… Wäre es nicht fast schon konsequent, wenn die beiden nicht nur politisch, sondern auch sexuell ohne Herren auskommen?

Apropos Dinge, die in der Serie anders verlaufen als in den Büchern:
Zum Worst Of der vergangenen Staffel gehörte für mich definitiv Sansas Schicksal. Klar, die Serien-Macher loten notorisch die Grenzen des Ertragbaren aus… aber mussten sie Sansa nach dem bitteren Joffrey-Martyrium noch ausgerechnet in Ramsay Boltons über-sadistische Arme treiben?

Umso begeisterter war ich von der Stärke, die Sansa in der letzten Folge demonstriert. Klarer Fall: ohne die Hilfe seiner Schwester wäre Jon Snow bei allem kämpferischen Geschick, bei allem Mut einfach nur niedergetrampelt worden. Winterfell wäre für die Starks wohl für immer verloren gewesen.

Nicht schlecht gefällt mir auch, dass Sansa und Jon in ihrem Verhalten sozusagen die Geschlechter-Klischees umdrehen: Während Jon emotional-impulsgetrieben handelt und sich trotz Sansas ausdrücklicher Warnung nicht so weit kontrollieren kann, dass er nicht in Ramsays offensichtliche Falle tappt, taktiert Sansa mit cleverem Kalkül. Sie stellt ihre Gefühle und den Drang, Peter Baelish auf direktem Wege in die Hölle zu schicken, zugunsten des größeren Ziels hintan. Sie sieht, wo ihre einzige Chance liegt, und nutzt sie.

Ehrlich gesagt gefällt mir sogar, dass sie ihrem Peiniger Ramsay ein extrem grausames Ende bereitet. Nicht weil mir Grausamkeit per se zusagen würde, sondern weil es Sansa menschlicher macht. Ich kann es nicht besonders leiden, wenn Frauen-Figuren zu süßlichen Engeln verklärt werden, die das „Ideal“ der alles ertragenden Tugend und Güte bis zur Dämlichkeit verkörpern. Denn auch diese Idealisierung ist, wie die reine sexuelle Objektifizierung, eine Art Entmenschlichung.
Die Zeiten, in denen Sansa immer nur damenhaft, hübsch und züchtig war und den Kopf voller Ritter-Romanzen hatte, sind endgültig vorbei. Gut so.

Von der letzten Folge abgesehen, habe ich überhaupt den Eindruck, dass Staffel 6 die Staffel ist, in der Frauen entscheidende, vielleicht die entscheidenden Rollen spielen – im Guten wie im Schlechten, mal mehr, mal weniger offensichtlich.

Cerseis Löwinnen-Stolz ist von ihrer Demütigungs-Tour quer durch King´s Landing nicht gebrochen, sondern nur noch mehr befeuert worden. Sie sagt ihrem Bruder und Geliebten Jaime, was er zu tun und wohin er mit seinen Truppen zu reiten hat. Queen Margaery steuert King Tommen (leider in den blinden Fanatismus, aber das ist ein anderes Kapitel). Arya Stark wird nach vielen harten Prüfungen zum Glück nicht Niemand, sondern (wieder) sie selbst. Melisandre wird durch die Einsicht in ihre eigene Fehlbarkeit nicht bloß sympathischer, sie wirkt sogar in ihrer neuen Brüchigkeit paradoxerweise auch kraftvoller denn je. Ich meine, hey, jemanden von den Toten wieder ins Leben zu rufen, ist gar keine so üble Leistung.

Auch die weiblichen Neben-Charaktere sind wesentlich mehr als nur dekoratives Beiwerk: Lyanna Mormont, die sehr junge Herrscherin der Bear Islands etwa, hat es mit ihrer Schlagfertigkeit schon nach einem kurzen Auftritt zu einer soliden Fan-Base gebracht. Und die fabulöse „Queen of Thorns“ würde ich mir von Margaery sowieso gerne mal als völlig nicht Oma-like Oma ausborgen.

Verrückt, aber wahr: ausgerechnet Game of Thrones bietet uns so viel mehr als einen haarscharf bestandenen Bechdel-Test.

Ach, ich weiß gar nicht, ob ich es bereits erwähnt habe, aber wenn ich so darüber nachdenke… will ich Daenerys am Ende unter allen Umständen auf dem Eisernen Thron sehen.
Alles andere wäre enttäuschend.

Mythen und Märchen im deutschen TV #2: Don Quijote de Mallorca (Jens Büchner aus Goodbye Deutschland)

Prolog

An einem Orte irgendwo in Sachsen, an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann, lebte noch vor nicht allzu langer Zeit ein deutscher Durchschnitts-Mann: mittelalt, mittelgroß, mittelschlank, mittelsympathisch, mittelviel Haupthaar. Wer ihn in seiner Heimat auf der Straße sah, dem hätte an ihm nichts allzu Besonderes auffallen können. Aber seine Mitmenschen und auch solche, die ihn nie gekannt hatten oder ansonsten nie kennengelernt hätten, sollten ihn bald aus der Ferne ganz anders zu sehen bekommen…


Auf ins Glück!

Der Don Quijote, von dem hier die Rede ist, heißt mit bürgerlichem Namen Jens Büchner. In seiner sächsischen Heimat arbeitete er als Finanzwirt, hatte eine Frau und zwei Töchter, die sozusagen aus dem Gröbsten heraus waren. Alles in allem ein geregeltes Leben, aus dem er jedoch auszubrechen beabsichtigte. Auf das meeresumwogt ferne und doch qua 17. Bundesland den Deutschen scheinbar so nahe Eiland Mallorca sollte ihn nun ebenso dringlich wie relativ plötzlich sein weiterer Lebensweg führen.

Das vordergründige Motiv dieses radikalen Umbruchs war die Beziehung zu einer Frau, und der Wunsch, mit dieser den Rest seines Lebens zu verbringen. Jens hatte sich unsterblich in seine um die 20 Jahre jüngere Kollegin Jenny verliebt, mit der er, der verheiratete Mann, heimliche Turtel-Urlaube auf Mallorca genoss. So blitzartig erwischte ihn Amors Pfeil, dass er bald beschloss, sein bisheriges Leben in jeder erdenklichen Weise hinter sich zu lassen: neue Frau, neuer, nie zuvor ausgeübter Job als Boutiquen-Besitzer, neuer Wohnsitz. Dass für letzteren nur eben jenes Mallorca, Sehnsuchtsort und Ziel der ersten gemeinsamen Liebesfluchten, infrage kam, war Jens und Jenny von vornherein mit der ganzen Wucht der Irrationalität klar. Mallorca, quasi die letzte Ausfahrt vor Utopia.

Soweit die offizielle Begründung für diesen gewagten Schritt. Ein kleines, aber bedeutsames Detail kann uns allerdings auf die Fährte des eigentlichen Motivs lenken: Jens lässt sich bei seiner Auswanderung vom Kamera-Team der beliebten VOX-Serie „Goodbye Deutschland“ begleiten.

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Was Jens denn wirklich dazu bewegte, sich auf die Reise in eine für ihn neue Welt zu begeben, fragt ihr euch? Nun: Er hatte eindeutig zu viele Glücksritter-Sendungen im Fernsehen gesehen. Geschichten von Menschen, die es, begleitet und gepusht vom TV, vermeintlich zu Ruhm, Ehre und Vermögen gebracht hatten. So sehr hatten diese Stories seinen übermäßig fantasievollen Geist korrumpiert, dass er sich irgendwann in seinem Innersten selbst als einer ihrer Helden wähnte.

Auswandern also. Ja, das schien ein guter Auftakt für Jens´ ganz eigene Geschichte zu sein, und so war es auch:
Gerne folgten Kamera-Team und Zuschauer*innen den erwartbar unerwarteten Turbulenzen der ersten Zeit. Die Balearen-Insel stellte für Jenny und vor allem Jens so manche Hürde auf, die es mit dem Fernsehen im Rücken zu überwinden galt. Dass diese Spanier*innen auf den Ämtern und in den Läden Mallorcas aber auch alle spanisch sprechen müssen! Kein Wort deutsch sprechen die mitunter! Beinahe so wenig deutsch wie Jens spanisch spricht. Und wer hätte denn vorher divinieren oder sich gar irgendwie darüber informieren können, dass im Winter auf Malle geschäftlich tote Hose ist und man daher den Sommer über das Geld für das gesamte Jahr verdienen muss? Überhaupt ist das nahezu unverschämt schwierig so eine Boutique in die Gänge zu bringen, wenn man es noch nie gemacht und null Ahnung von Selbstständigkeit, spanischer Bürokratie oder Mode hat…

Aber, allen Widrigkeiten zum Trotz, schien es zu klappen mit dem jungen Glück. Jens hatte mit Jenny inzwischen einen kleinen Sohn, die Boutique wurde eröffnet und lief, auch „Goodbye Deutschland“ sei Dank, gar nicht mal so schlecht an, Malle hielt, was es an Sonnenschein versprochen hatte. Als krönenden Höhepunkt sahen die geneigten Zuschauer*innen Jens schließlich seiner Jenny ganz romantisch in einer Bucht einen Heiratsantrag machen, den sie selbstredend mit Tränchen in den Augen annahm.

 

Krisis und Kurskorrektur

Happy end am Sonnenstrand, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch so weiter? Oh nein. Jens´ Geschichte sollte einen komplett anderen Verlauf nehmen.

Wir werden Zeuge, wie irgendwann recht plötzlich in diesem aufkeimenden Idyll eine Krise über Jens hereinbricht, und zwar dem ersten Anschein nach eine gesundheitliche. Jens glaubt sich krank, todkrank möglicherweise. Er hat Atembeschwerden, kriegt immer wieder kaum noch Luft. Er lässt sich vom Arzt untersuchen, der glücklicherweise nichts Ernstes findet. Puh, Schwein gehabt, weiter geht´s, nach diesem Schock mit noch mehr Elan und Lebensfreude, könnte man meinen.

Aber dieser Krisenmoment scheint etwas in Jens ausgelöst zu haben bzw. nur der Höhepunkt einer schon länger andauernden Entwicklung zu sein. So harmonisch, wie die Zuschauer*innen glaubten, war es bei Jens und Jenny dann offenbar doch nicht. Jens´ neueste hypochondrische Arien werden Jenny nun vollends zu theatralisch, sie hat es satt, im wahrsten Sinne des Wortes alleine das Kind schaukeln und den Laden schmeißen zu müssen. Da kann sie auch gleich Single sein, dann muss sie wenigstens nicht Jens´ Genöle ertragen. Und so kommt es, dass das Auswanderer-Traumpaar Jens und Jenny sich trennt.

Jens´ Krise ist natürlich hochgradig symbolisch. Sein physisches Überleben mag zwar nicht auf dem Spiel stehen – in seinem Unbewussten fühlt er sich jedoch in seiner TV-Glücksritter-Existenz bedroht. Eine gelungene Auswanderung, die in ein zufriedenes, ruhiges Leben mit Frau und Kind mündet, wer will das schon auf die Dauer im Fernsehen anschauen? Gut, den einen oder anderen Rückschlag gibt es immer, inklusive erneutem sich-Hochkämpfen. Aber sonst? Langweilig! In seinem tiefsten Inneren erdrückt Jens diese Aussicht. Die Banalität dieser neuen Alltäglichkeit nimmt ihm die Luft zum Atmen.

Die richtig guten Glücksritter-Stories sehen anders aus, das weiß doch jede*r. Wahre Glücksritter folgen einer künstlerischen Berufung, und wenn es auch nur die Berufung zum Lebenskünstler ist. Dass Jens eine Veranlagung gerade zu Letzterem in sich spürt, stellt er bald eindrucksvoll zur Schau.

 

Abenteuerliche Arabesken: Don Quijote meets Don Juan

Nachdem Jens bei Jenny ausgezogen ist, startet er ein Himmelfahrtskommando nach dem anderen. An Ideen mangelt es ihm wahrlich nicht. Je bekloppter, desto besser – mein persönliches Highlight: der Verkauf eines ganz besonderen Schmankerls unter den Jens-Fan-Artikeln, namentlich ein Briefbeschwerer, der von Jens´“hocherotischem“ (Büchner über Büchner) Konterfei geziert wird. Wer will so etwas eigentlich nicht auf dem Schreibtisch stehen haben?!? Je vernünftiger ein Projekt, desto weniger Chancen hat es, dauerhaft realisiert zu werden. Einen Kellner-Job etwa, den ihm mitfühlende Menschen anbieten, damit er irgendwie über die Runden kommt, lässt er nach wenigen Tagen sausen, ohne die betreffenden Chefs darüber zu informieren. T-Shirt-Kollektion, Restaurant-Leitung, Moderation eines „Mr Beach“-Wettbewerbs, schließlich die neue alte Idee, eine eigene Boutique zu eröffnen (rein zufällig gegenüber der Boutique seiner mittlerweile Ex Jenny)… vieles geht, nichts geht lange.

Ein nicht unbedeutender Teil der Abenteuer, in die er sich dabei stürzt, sind Liebes-Abenteuer. Unser Don Quijote besitzt durchaus Don Juan-Qualitäten; gefühlt alle zwei Wochen erobert er das Herz einer neuen Frau im Sturm. Diese Damen sind allesamt deutlich jünger, wesentlich besser aussehend und bereit, für Jens alles aufzugeben.

Die Frage, die mich schon im Hinblick auf die (ebenfalls viel jüngere, nicht auf den Kopf gefallene, sehr gut aussehende, große und schlanke) Ex-Verlobte Jenny umtrieb, stellt sich mir, wie wahrscheinlich allen Frauen liebenden Männern vor dem Bildschirm, erneut und immer wieder: Warum??? Wie macht der das bloß? Jens ist alles andere als ein Model. Er hat weder Geld noch Macht. Er will die Welt nicht mit bahnbrechenden Ideen oder Idealen verändern, besitzt keinerlei funkelndes Genie. Ist das dann dieser berühmte Charme, von dem immer alle reden? Zugegeben – den hatte ich mir auch anders vorgestellt.
[Im Übrigen ist es mir ein absolutes Rätsel, wieso Jens noch nicht die Eingebung hatte, Flirt-Seminare anzubieten. Bescheuerter als das, was er sonst schon alles ausprobiert hat, wäre das nun wirklich nicht.]

Jens´ stürmische Beziehungen verlaufen stets nach dem auch schon von der Jenny-Story bekannten Muster: Am Anfang verknallt er sich „heftig“ („Mit der xy… das ist schon… heftig!“ hören wir ihn ein ums andere Mal sagen), kann sich „alles vorstellen“ und spürt dementsprechend den Drang, sein ganzes Leben umzuschmeißen. Wie einen Teenie lässt ihn die jeweils angebetete Dulcinea im Liebesreigen taumeln und alles andere (Termine, Geschäfte, den kleinen Sohn…) vergessen. Doch Wolke 7 produziert eher früher als später heftige Gewitter; ein seifenoperreifes Spektakel aus Enttäuschung, Zoff, Tränen und Wut lässt nie lange auf sich warten.

Das hat unser Traum-Insulaner nun von seinem glorreichen Ritt ins Abenteuer, Pech im Spiel, Pech in der Liebe, während seine daheimgebliebenen Angehörigen sich resignierend damit abzufinden versuchen, dass er wohl den Verstand verloren hat. Jens wirkt auf sie wie ein Getriebener. Ständig scheint er gegen irgendetwas anzukämpfen. Es können eigentlich nur imaginäre Riesen sein.
Wie er so vor der Kamera sitzt, das zerknitterte Hemd immer weiter aufgeknöpft, die Augenränder unter dem müden Hundeblick immer größer werdend, und sich selbst langsam als Gestrauchelten begreift, ist er wahrhaftig ein Ritter von der traurigen Gestalt.

 

Durchbruch durch ein gebrochenes Selbst

Man könnte also denken: Jens ist kläglich bei dem Versuch gescheitert, in die Fußstapfen der von ihm verehrten Glücksritter zu treten. Wer so denkt, hat allerdings den entscheidenden Twist verpasst. Denn in Wirklichkeit wird Jens, indem er vom Fernsehen begleitet kläglich bei dem Versuch scheitert, in die Fußstapfen der von ihm verehrten Glücksritter zu treten, durch diese Story selbst erfolgreich zum Glücksritter.
Beredter Ausdruck dieses schwindelerregend paradoxen Faktums: Jens feiert seinen endgültigen Durchbruch als „Künstler“ mit einer Spelunken-Hymne, deren Refrain „Geld weg, Frau weg, Laden weg – schallalala alles weg! Geld weg, Frau weg, Laden weg – ich bin pleite, aber sexy!“ lautet.

Die Menschen kennen ihn, sie haben seine Abenteuer bei „Goodbye Deutschland“ verfolgt. Begeistert sprechen sie ihn darauf an. Mehr noch, sie lieben ihn geradezu. Sie wollen Autogramme, sind ihm zugetan und machen ihm – obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten – die tollsten Angebote. Mindestens ebenso wichtig wie die Leute, die ihn mögen, sind die nicht minder vielzähligen, die ihn so richtig sch…recklich finden, weil er somit die Nr.1 Top-Qualität eines richtigen TV-Helden besitzt: er „polarisiert“.

An diesem Punkt wird es Zeit für einen im Grunde längst überfälligen Sancho Panza. Fortan steht dem eher gedrungenen Jens daher ein gigantisch langer Mensch mit dem sinnigen Spitznamen „Hightower“ zur Seite. Dieser gutmütige Riese macht den Job des Bodyguards und Kindergärtners sicher nicht, weil er unseren Ballermann-Barden für einen aussichtsreichen Entertainer hält. Vielleicht braucht er das Geld. Vor allem aber denke ich, dass er denkt: Man wird Jens niemals vor dem Schlimmsten (sich selbst) bewahren können, womöglich aber vor dem Zweit- bis Zweitausendschlimmsten (den vielen kleinen und großen Kollateralschäden des Jens-Seins). Wenn er sich z.B. partout nicht davon abbringen lässt, sich in der ein oder anderen Höhle des Löwen der Bestie namens Publikum zum Fraß vorzuwerfen, dann kann man zumindest Letzteres davon abhalten, ihn mit Bierflaschen zu erschlagen. Es reicht, wenn sie ihm den blanken Hintern oder den Stinkefinger entgegenstrecken.

Betrachtet man also noch einmal von Neuem, dieses Mal durch das mehrfach gebrochene Objektiv der „Reality“ TV-Erzählweise, wie Don Jenser seinen Weg macht, bleibt als Urteil unterm Strich: das Stolpern und auf-die-Nase-Fallen läuft.

 

Wende ins Beschauliche durch die wahre Liebe?

Oder liefe. Wenn nicht ausgerechnet jetzt, wo wir nur das Abenteuerlichste von unserem Helden erwarten, der gute Jens uns erneut ein Schnippchen schlagen würde. Ein Schnippchen hin zu etwas, womit wir bei ihm wirklich am allerwenigsten gerechnet hätten, nämlich Bodenständigkeit. Klar, Bodenständigkeit in einer ganz eigenen Jens-Interpretation des Begriffs, aber dennoch.

„Schuld“ ist, mal wieder, eine Frau. Eine Frau, von der wir erst einmal recht lange nichts erfahren, weil er sie nicht gleich mit vor die Kamera zerrt. Und das, obwohl die beiden sich buchstäblich vor den Augen des Kamera-Teams kennengelernt haben, bei einem Auftritt des sächsischen Sängerknaben im denkwürdigen Delmenhorst. [Guck mal RTL, ich kann auch Alliteration!] Dort sprach die zukünftige Frau an seiner Seite ihn mit dem großartigen Unflirt-Spruch an, sie finde ihn „Scheiße, aber mutig!“ Einen besseren Auftakt für eine Romanze kann es kaum geben. Und so nahm das Schicksal denn auch seinen Lauf.

Heute lebt besagte Herzensdame, im Folgenden „Daniela“ genannt, mit ihrem Jenser auf Mallorca und erwartet nicht nur ein Kind von ihm, sondern gleich Zwillinge. Rafft man die Jens-und-Daniela-Story dergestalt, klingt sie zunächst nach dem üblichen Irrsinn. Eine Prise davon darf auch nicht fehlen, schließlich handelt es sich immer noch um Jens Büchner, und pure Vernunft darf sowieso niemals siegen.

Aber, aber, irgendwas ist anders… Vermeintliche Kleinigkeiten, die sich zu einer ernstzunehmenden Veränderung summieren.

Daniela unterscheidet sich von ihren Vorgängerinnen in einem zunächst oberflächlich anmutenden Punkt. Sie ist Jens altersmäßig um einiges näher, eine gestandene Frau mit beiden Beinen auf der Erde. (Dass sie sich auf Jens einlässt, scheint dem zu widersprechen, aber Menschen sind eben wandelnde performative Selbstwidersprüche.) Bei ihr scheint es Don Juan-Jens Quijote nicht nur um das Äußere zu gehen. Sie ist nicht sein Statussymbol, das er von einer öffentlich ausgetragenen peinlichen Beziehungskrise in die nächste schubst. Vielmehr können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass sie ihn im Griff hat. Und dass er Gefallen daran findet. Selbst wenn das bedeutet, dass er sich auch einmal kümmern, unbequeme Dinge erledigen oder Verantwortung übernehmen muss. Etwa für Danielas drei Kinder, in die er sich gleich mitverliebt hat. So kannten wir ihn noch gar nicht, hatte er sich doch bisher vor der Verantwortung für die eigenen drei Kinder eher herumgedrückt.

Auch Jens 24/7 Rampensau-Verhalten ist nicht mehr dasselbe. Allein dass er Daniela so lange vor der Öffentlichkeit verschont hat, wirkt verdächtig. Außerdem mag er zwar weiterhin quatschige Aktionen bringen, z.B. sich anlässlich eines Badenixen-Beauty-Contests in einen Meerjungfrauen-Schwanz (heißt das so?) zwängen oder des Nächstens in einschlägigen Diskos schiefe Töne trällern.

Aber irgendwie scheinen sich seine Haltung dazu und seine Sicht darauf gewandelt zu haben. Das heitere Vagabunden-Dasein ist nicht mehr sein ganzes Leben, nicht mehr die für ihn einzig mögliche Existenzform, in der er vollkommen aufgeht. Statt mittendrin zu sein scheint er fast schon mit dem distanzierten Blick des Zuschauers auf seine eigene Performance zu schauen, ein bisschen so wie wir. Wenn er ins Flugzeug zu seinem nächsten Auftritt steigt, freut er sich schon darauf, nach Hause zu seiner immer größer werdenden Familie zurückzukehren. Er geht auf die Bühne wie andere ins Büro.

Ob Jens auf seine alten Tage klar wird, dass Glücksritter auch nur ein Job ist – ein immens anstrengender noch dazu?


Epilog

Dschungelcamp 2017 – Mallorca Jens Büchner ist dabei!

Wenn wir ehrlich sind, haben wir es doch alle geahnt: Stabilität und Bodenständigkeit ist Jens´ Sache nicht. Nun wissen wir es mit Bestimmtheit. Der Schleier seiner Unvernunft und vermarktbaren Narretei hat sich nicht gelüftet. Ein Glück für RTL!

Denn der krächzige Stolperbarde unserer Herzen nimmt ab diesem Freitag, dem 13. (ja, ernsthaft!) am „Dschungelcamp“ des Kölner Senders teil. Damit erklimmt er den Olymp des Glücksrittertums, zugleich Gipfel und Tiefpunkt einer nicht steil, dafür umso schräger verlaufenden C-Z-Sternchen-Karriere.

Sollte man ihm jetzt dazu gratulieren und ihm alles Gute im Kampf um die Krone des Dschungelkönigs wünschen?
Ein Sangesspruch des Don Jens höchstselbst scheint mir als Schlammschlacht-Motto da schon passender: „Augen zu und durch die Nacht!“