Musikalische Blogparade

Über Critical Pixie und Wortgeflumselkritzelkrams bin ich auf eine Blogparade gestoßen, die von der singenden Lehrerin initiiert wurde. Dabei geht es darum, 10 Songs zu posten, die mich zum Mitsingen, Mitgrölen, Mittanzen bringen. Oder gebracht haben. Lieder mit Erinnerungswert, die sich in meinem Kopf festgedudelt haben. Puh, da gibt es sicherlich viele. Ich lasse mich dementsprechend von mir selbst ein wenig überraschen, welche Liedchen mir als Ausschnitt meiner persönlichen Musikhistorie in den Sinn kommen.

Auf geht´s. Mit Madonna:

Meine große Schwester hat ihre Pubertät in den 80ern zelebriert. Die damals durchs Haus trällernden Popsongs haben meinen Musikgeschmack mitgeprägt. Da gab´s aber auch lauter großartiges Zeug. Michael Jackson, Whitney Houston (auf die muss ich später noch zu sprechen kommen), George Michael, Rick Astley… Mit einem Hauch von nicht-englischer Exotik noch France Gall, Guesch Patti (Étienne!) oder die von Big Sis sehr geliebte Italo-Röhre Gianna Nannini. Tja, und natürlich Madonna, diese großartige Ikone, deren Lieder aus den 80ern für mich immer nach Sommerferien klingen.

Meine eigene früheste Jugend wurde dann zunächst zwangsläufig mit Eurodance beschallt. Man kann sagen, was man will, schmissig waren Kracher wie „Mr Vain“ von Culture Beat, „Rhythm is a Dancer“ von Snap! oder „Love Religion“ schon. Und „No Limit“ kann ich heute immer noch empfehlen, um sich vor Bewerbungsgesprächen oder ähnlichen Situation so richtig in „Tschakka du schaffst es!“-Stimmung zu powern.

Ein weiteres Phänomen, an dem man damals, als ich noch ganz jung war, nicht vorbei kam: Boybands. Derer gab es irgendwann gefühlte Milliarden, aber ich denke, Take That ist so was wie die Mutter dieser Jungs-Kapellen. Ob ich will oder nicht, die müssen hier also auch aufgeführt werden. Ich weiß gar nicht, warum ausgerechnet „Pray“. Vielleicht weil das Video gerade so schön zur Außentemperatur passt.

Grunge war die erste Musik, die ich so richtig als meine für mich entdeckte. Die Nirvana-Alben habe ich in Dauerschleife durchgenudelt und kann jetzt noch die Songtexte mitsingen, die mir alle irgendwie aus der Seele sprachen. „Heart Shaped Box“ gehörte definitiv zu meinen Favoriten. Großartig verstörendes Video auch. Nicht unerwähnt lassen darf ich an dieser Stelle Bush. Wenn ihr jetzt denkt, Bush, sind das nicht diese Rock-Pop-Luschen?: Mit „Razorblade Suitcase“ haben sie zumindest ein waschechtes Grunge-Album rausgebracht, genial düsterdumpf und von einem anhaltenden unterschwelligen Zorn, der immer einmal wieder ausbricht oder zynisch gebrochen wird. Der Soundtrack meiner Pubertät.

Dann wurde es so richtig dark. Gothic fand ich faszinierend, da durfte man wenigstens mal gepflegt traurig und anders sein. Musikalisch haben mir die Lakaien, die guten alten Sisters of Mercy, Mittelalterspaß wie Subway to Sally oder Letzte Instanz oder auch mal ganz „Abwegiges“ wie Hagalaz Runedance zugesagt. Mit EBM und anderem Elektronischen hab ich mich nur in Ausnahmefällen anfreunden können. Helium Vola hat ganz prima das Mittelalterliche tanzbar gemacht. „Omnis mundi creatura“ war so was wie ein Clubhit in der einen Düsterdisko oder dem anderen Partykeller.

Da ich Strom-Gitarren und härtere musikalische Kost liebe, war der Schritt zum Metal konsequent. Das äußerste Extrem der Anti-Musik hatte ich irgendwann mit einer Black Metal-Phase erreicht, für die diese klangvolle Hymne stellvertretend steht. Mann, war das auf seine Art ein Ohrwurm und absoluter Klassiker!

Nicht ganz so krachig, eher zum Schwelgen einladend: Empyrium. Deren Album „Songs of Moors and Misty Fields“ ist seit Jahren dauerhaft DAS Herbst-Album für mich. Ich freu mich jetzt schon wieder drauf.

Apropos Herbst. Während meines Philosophie-Studiums war „OK Computer“ von Radiohead das Album der Wahl für den Übergang von Sommer zu Herbst. Süße Melancholie, und überhaupt… „Let Down“ veranschaulicht das Grundgefühl ganz prima.

Hardcore ist auch nicht verkehrt, Hatebreed geht sowieso immer. Speziell „In Ashes They Shall Reap“ ist ein spitzenmäßiger Motivations-Song für Sport, Spiel und alle anderen Gelegenheiten.

Ich habe keine Ahnung, wie Whitney Houston mit ihrem „I wanna dance with somebody“ letzten Sommer in meinen Kopf gekommen ist. Ich weiß nur, dass sie damit nicht mehr rauswollte und mir schweinegute Laune gemacht hat und immer noch macht.

Stoner Rock ist für mich ein Garant für musikalisches Vergnügen. Wer da nicht zum Luftgitarren-Gott mutiert, ist selber schuld. Also, macht´s wie ich und grölt euch am Freitag mit Monster Magnet ins Wochenende: „I’m never gonna work another day in my life / The Gods told me to relax / They said I´m gonna get fixed up right“.

Ups, nun sind´s doch 11 statt 10 geworden, dabei hab ich mich schon zusammengerissen… und ein irgendwie aparter Mix 😉

 

 

 

 

Advertisements

Cat Content Is King

Früher habe ich immer über den Niedlichkeitswahn meiner (gerne mal weiblichen) Mitmenschen gespottet. Bei jedem hochflötend-piepsigen „Oh wie süüüüüüüüß!“ verdrehte ich genervt die Augen und wunderte mich über die grenzdebile Kindchenhaftigkeit eigentlich erwachsener Personen.

Jetzt habe ich den Salat. Mittlerweile gehöre auch ich zu den Nasen, die sich tierisches Bildmaterial als Stimmungsaufheller verabreichen. Nach außen gebe ich immerhin noch keine Laute der Glückseligkeit. Innerlich hab ich aber schon das eine oder andere Mal gequiekt.

Keine Ahnung, wie es soweit kommen konnte. Ach was rede ich… eigentlich weiß ich es ganz genau. Über die letzten Jahre hinweg hat mich meine Freundin mit ihrer gefährlichen Leidenschaft angesteckt (ich schwöre!). Auf subtilste Weise hat sie mich zum hemmungslosen Kätzchen-Video-Abusus verführt. Gut, es waren auch ein paar Igelchen dabei, Schweinchen, Hündchen, Eselchen, Füchschen, Wieselchen, Äffchen und Entchen. Aber hauptsächlich Kätzchen.

Katzen-Clips scheinen so ein richtiges Ding zu sein. In Laurie Pennys Geschichtenband „Babies machen und andere Stories“ werden sie sogar staatlich verordnet, als Ablenkung und Palliativ der allgemeinen Wurstigkeit zugleich.

Aber woran liegt das eigentlich? Warum sprechen uns gerade Tier-Bilder und -Videos so an? Es gibt doch noch eine Menge anderer putziger Dinge auf der Welt. Auch wenn mir jetzt, wenn ich krampfhaft darüber nachdenke, natürlich kein Beispiel einfällt.

Und warum sind es unter den Tieren offenbar vor allem Katzen, die uns das Elend der Welt vergessen lassen? Selbst dann, wenn es sich um Grumpy Cat handelt.

Habt ihr dazu Theorien? Würde mich brennend interessieren!

Und während ich darüber reflektiere und euch mitreflektieren lasse, möchte ich euch unbedingt meinen momentanen Favoriten aus der Rubrik „Kätzchen-Cuteness-Overload“ präsentieren – voilà:

Prima LGBT Ally Werbung: „Just do it“ mit Nike und Chris Mosier

Chris Mosier ist ein herausragender Sportler.
Als Mitglied des US-amerikanischen Männer-Teams tritt er seit 2015 im Duathlon an, einer im etwas anderen Wortsinne beinharten Disziplin: In der Sprint-Variante folgen auf den 5 Kilometer langen ersten Lauf 20 Kilometer Radfahren und zu guter Letzt noch einmal im Turbo zurückgelegte 2,5 Kilometer Laufstrecke.

Aus meiner Null-Kondition-Perspektive finde ich es schon bewundernswert, sich überhaupt tapfer dadurch zu hecheln. Erst recht, wenn man es so rekordverdächtig tut, dass man als Vertreter des eigenen Landes bei Weltmeisterschaften ins Rennen geschickt wird.

In Chris´ Fall stellte die Fitness-Anforderung allerdings nicht die einzige, vielleicht nicht einmal die größte Hürde auf dem Weg ins Männer-Nationalteam dar. Denn Chris ist ein Transmann, also ein Mann, dem bei der Geburt das sog. biologisch weibliche Geschlecht zugeordnet wurde. Nicht nur sportlich, auch in anderer Hinsicht musste er daher erst dafür kämpfen, in das Herrenteam der USA aufgenommen zu werden – als erster transmännlicher Athlet überhaupt. Was ihm 2015, nachdem er 2010 seine Transition begonnen und sich öffentlich geoutet hatte, gelang.

Das ist eine beeindruckende Leistung. Dazu gehört eine Menge Mut. Womöglich sogar „Unlimited Courage“, wie eine Werbe-Spot-Reihe des Sportartikelherstellers Nike heißt, in der nun auch Chris Mosier ein Spot gewidmet wird.

Den Nike-Slogan „Just do it!“ hat Chris sich ohnehin schon lange auf die Fahne geschrieben. Ohne zu wissen, ob er sich mit den anderen Männern würde messen können, ohne sicher darauf bauen zu können, dass er akzeptiert würde, hat er das gemacht, was sein Traum ist und war.

Der Spot sendet damit eine starke Message, die wir alle beherzigen sollten. Wer sich in ungewisses Terrain begeben und Unmögliches wagen will, dem oder der hilft eben oft nur eins: kräftig Anlauf nehmen und ins kalte Wasser springen. Es ist möglich.

Und nun seht selbst:

http://news.nike.com/just-do-it-2016/nike-athletes/unlimited-courage-chris-mosier

Paradoxe Intervention

Der Kopf schlägt einem so manches mal ein Schnippchen.
Er pflanzt einem in den unwahrscheinlichsten Momenten die unmöglichsten Ohrwürmer ein. (Bei mir sind das gerne mal Volksmusik- und Schlager-Hits aus dem WDR 4-Programm – danke dafür, Mama!) Er reißt in den ernstesten Situationen die albernsten Zoten. Und er nimmt oft eine, nun, interessante Gedächtnisdaten-Selektion und -Erweiterung vor.

Z.B. wenn ich an die „Woche der Gewalt“ in Bayern denke. Was ist mir davon nämlich am markantesten in Erinnerung geblieben? Der brüllende Balkon-Mann.

Ich weiß, es waren de facto zwei Männer, die den Amokläufer von München in ein „Gespräch“ verwickelt haben. Mein Kopf hat sie zu einem verschmolzen und etwas aufgepimpt. Ich stelle mir diesen Menschen als einen schmerbäuchigen Bayern im weißen Feinripp-Unterhemd vor, die Bierflasche im Anschlag. Optisch weist er dabei eine nicht unbedeutende Ähnlichkeit mit dem Wachtmeister Dimpfelmoser aus dem Räuber Hotzenplotz auf, dessen Nachnamen er möglicherweise trägt. Es würde zu seinem breiten Dialekt passen. Ehrlich gesagt ziert ihn in meiner Vorstellung sogar die entsprechende Pickelhaube.

Ich finde es ja bemerkenswert, welche neuen, auf den ersten Blick widersprüchlichen Typen unsere Zeit so hervorbringt. Der Balkon-Dimpfelmoser bspw. vertritt für mich geradezu exemplarisch den Typus des stoischen Wutbürgers.

Neben dessen cholerischem Temperament, dem Hang zum Geschimpfe über alles, was er nicht kennt und einzuschätzen weiß, besticht er vor allem durch eins: seine unerschütterliche Unbeirrbarkeit. Von albernen Kleinigkeiten wie Fakten, Empathie oder Differenziertheit lässt er sich ohnehin nicht durcheinander bringen. Aber auch vermeintlich größere Hindernisse wie die Gefahr für Leib und Leben lassen ihn im Grunde kalt.

So beschreitet er ganz neue Verhaltenspfade. Ein wild schießender Amokläufer taucht direkt vor seiner Nase auf? Warum nicht mal mit der Bierflasche schmeißen und ihn als „Scheiß-Kanacke!“ beleidigen, „fremdländisch“ wie er ausschaut.

Während ich feststelle, dass in „unbeirrbar“ beinahe „irre“ drinsteckt und noch abwäge, ob ich die Reaktion meines Kopfkino-Dimpfelmosers nun wahnwitzig oder bemerkenswert finden soll, erfahre ich: Der Mann hat alles richtig gemacht. Sagt Deeskalations-Trainer Heinz Kraft (ja, der heißt wirklich so). Beklopptheit kann also auch für den Notfall rüsten.

Wichtig sei in einer solchen Situation nämlich, den Täter zu irritieren. Da bietet es sich natürlich an, völlig paradox zu handeln. Man solle zum Beispiel an einem Mittwoch behaupten: „Heute ist Donnerstag und donnerstags wird nicht geschossen.“ Darüber kommt der Täter ins Grübeln und antwortet unter Umständen „Aber heute ist doch Mittwoch!“ Aus dem Konzept gebracht ist er auf jeden Fall, und wenn es nur einige (wertvolle!) Sekunden dauert.

Potenzielle Amoktäter sind leider oft nicht dumm und viel im Netz unterwegs, wo sie sich alles Mögliche zu diesem Thema durchlesen. Ich erwische mich allen Ernstes dabei, wie ich mich frage: Wenn so ein gefährdeter Mensch das jetzt im Interview liest und sich als Abwehrstrategie potenzieller Opfer merkt… wäre es dann irgendwann eine angemessene Reaktion an einem Mittwoch zu sagen „Heute ist Mittwoch und mittwochs wird nicht geschossen“, weil der Täter dadurch irritiert wird, dass man ihn nicht zu irritieren versucht und entgegen seiner Annahme den richtigen Wochentag nennt, wo er fest mit dem falschen gerechnet hatte?

Ähm tja… Ob das ein Versuch meines Geistes ist, paradox zu intervenieren? Indem er angesichts beunruhigender Themen dermaßen quatschige Frage-Blüten treibt und mir die zeitgemäß upgedatete Wachtmeister-Figur eines Kinderbuches in die Hirnwindungen setzt?

Wäre nicht das erste Mal, dass er solche Scherze veranstaltet.

 

 

 

Prima LGBT Ally Werbung: „Pride is in the air“ mit Airbnb

Die jüngere Vergangenheit hat uns mal wieder gezeigt, dass Werbung oft nicht nur reichlich dämlich, sondern auch unfassbar jenseits jeglichen Respekts für Menschen konzipiert wird.
Umso erfreulicher, wenn mal ein Spot gemacht wird, der nicht irgendeine Menschengruppe zum fragwürdigen Stereotyp verulknudelt. Kaum zu glauben, aber wahr: man kann mit Werbung auch ein positives Zeichen setzen.

Wie das z.B. Airbnb, die weltweite Plattform zur Buchung und Vermietung von privaten Unterkünften, getan hat. Pünktlich zur Pride Saison hat das Unternehmen bereits im Juni unter dem Hashtag #HostWithPride einen Spot veröffentlicht, in dem es drei Leutchen aus dem Regenbogen-Spektrum kurzporträtiert.

Zunächst einmal finde ich es prima, dass Airbnb sich nicht nur einfallslos eine Regenbogenflagge oder -Schleife ans Image geheftet hat. Auch reduziert die Werbung die drei Personen nicht allein auf ihr Schwul,- Lesbisch- oder Transsein. Über das gängige Pappkamerad*innen-Präsentationsschema à la „Lukas, 34, schwul“ oder „Steffi, 28 und Sina, 24 – lesbisches Paar“ hinaus wirft der Airbnb-Spot einen Blick auf drei sympathische, spannende Persönlichkeiten. Menschen, die ein Leben haben und etwas zu sagen.

Neben dem Hauptthema der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt werden zudem auch andere diversity-Aspekte miteinbezogen. So wird beispielsweise auch das Vorurteil, dass Islam und Queerness einander unvermittelbar gegenüberstehen, gleich mit abserviert.

„For Airbnb, the meaning of hospitality goes beyond a place to stay for the night — it signifies a spirit of openness, kindness, and acceptance of others. We worked with Airbnb to create a film for their 2016 Pride campaign which takes a bold look at the power of acceptance.“
Das ist doch mal eine schöne Message in Zeiten, in denen vieles, was als „anders“ markiert wird, diplomatisch ausgedrückt: nicht unbedingt hoch im Kurs steht.

Für meinen persönlichen Geschmack trifft die Werbung auch sehr gut einen Ton, der emotional genug rüberkommt, um ein Identifikationsgefühl zu erzeugen, aber nicht so pathetisch, dass es ins peinlich Übertriebene abdriftet.

Daumen hoch dafür!

Für ziemlich hervorhebenswert halte ich die Auswahl und Erzählung des Transmanns. Dieser befürchtete, nach seiner Transition nicht mehr bei seinem geliebten Frauen-Hockey-Team mitmachen zu dürfen. Das ist wirklich ungewöhnlich. Üblicherweise geht es transmännlichen Sportlern gerade darum, bei den Männern antreten zu dürfen, so wie es etwa der US-amerikanische Athlet Chris Mosier  erwirkt hat. Irgendwie logisch. Würde mir in der Situation tendenziell auch so gehen. Auch auf der metaphorischen Ebene wird ja ganz gerne das Bild des „im falschen Team Spielens“ für das Unbehagen am zugewiesenen Geschlecht bemüht.

Auf der einen Seite könnte es natürlich passieren, dass Leute, die mit der Trans*-Thematik noch nicht so in Berührung gekommen sind, durch den Spot etwas verwirrt werden. („Will“ der denn nicht einer von den Männern sein?! Sieht er sich jetzt doch noch als Frau?)

Auf der anderen Seite haben die vielen unterschiedlichen Trans*-Personen selbstredend viele verschiedene Geschichten und Sichtweisen.

Offensichtlich schließt für diesen Transmann die Zugehörigkeit zur Gruppe der Männer bzw. die eigene männliche Identität nicht aus, Mitglied in einem Team zu sein, welches außer ihm nur aus Frauen besteht. Daraus lässt sich eigentlich schließen, dass er sich seiner Männlichkeit, wie auch immer er sie genau für sich ausbuchstabiert, sehr sicher sein muss. Was ziemlich cool ist. Ja wenn ich so darüber nachdenke, gefällt es mir ziemlich gut, dass er nicht in die beliebte Transmann-Falle stolpert, alles Weibliche reflexhaft von sich distanzieren, es womöglich sogar verunglimpfen zu wollen.

Wie seht ihr das, wie findet ihr den Werbespot? Macht euch selbst ein Bild:

 

 

 

 

 

Lieblingsstreberin: Flavia de Luce

Das Missy Magazine kürt in jeder neuen Ausgabe einen fiktiven Charakter zur Lieblingsstreberin. Wenn eine den Inbegriff dieses Ehrentitels verkörpert, dann ist das meiner bescheidenen Meinung nach Flavia de Luce. Ich möchte sie deshalb als meine persönliche Lieblingsstreberin ergänzen.

Flavia de Luce ist die investigative Heldin einer Krimi-Reihe des kanadischen Autors Alan Bradley. Mit ihren gerade einmal 11 Jahren ist sie alles andere als ein gewöhnliches Mädchen.

Man könnte sie vielleicht als „frühreif“ bezeichnen, aber ich bin mir unsicher, ob dieses Wort außerhalb von 70er Jahre-Aufklärungsfilmchen gebraucht wird und nicht eher missverständlich rüberkommt… Was ich sagen will: Flavia ist hochintelligent und sieht die Welt um sie herum mit klugem, kritischem Blick.

Ihre Welt ist ein ländliches England in den 1950ern. In der Nähe des Dörfchens Bishop´s Lacey lebt sie auf dem altehrwürdigen Familienanwesen Buckshaw.

Zu ihrer Familie gehört zunächst der Vater, ein Patriarch alter, gefühlsunterkühlter Schule vom Typus „Stock im Popo“. Sodann die beiden älteren Schwestern mit den gänzlich unprätentiösen Namen Daphne und Ophelia, mit denen Flavia nicht wirklich etwas anfangen kann. Die eine steckt permanent mit der Nase in Romanen, die andere ist in erster Linie mit ihrer eigenen Nase und dem Rest ihres Spiegelbilds beschäftigt. Von Geschwisterliebe spürt man wenig. Was eine Art von Beziehung zwischen den drei Mädchen stiftet, ist wenn überhaupt der Wunsch, die anderen beiden verbal oder mit Streichen so richtig in die Pfanne zu hauen. Last but not least zählt außerdem Dogger zu den Bewohnern Buckshaws, ein vom Krieg traumatisierter Freund des Vaters, der als Junge für alles des Hauses fungiert.

Über alledem schwebt der Geist der verstorbenen Mutter Harriet, einer eigensinnigen Abenteuerin, die bei einem Ausflug ins Himalaya-Gebirge ums Leben kam, als Flavia gerade einmal ein Jahr alt war. Man munkelt, unsere Protagonistin habe ihren Charakter von dieser badass Mama. Ganz sicher ist, dass sie von ihr eine unsterbliche Leidenschaft geerbt hat: die Liebe zur Chemie. Nichts bereitet Flavia mehr Freude, als über dicken Wälzern zu brüten, die sie in die Geheimnisse dieser Disziplin einweihen, und selbst im Labor zu erproben, was sich mit der Macht des Wissens und der Elemente hervorzaubern lässt. Unter den Wundern, die ihr die Chemie enthüllt, fasziniert sie vor allem eines: Gift.

„Gift?! Das ist doch nichts für liebe, brave Mädchen!“, mag man einwenden. Sehr richtig. Aber Flavia will auch nichts weniger sein als das. Das unschuldige girly girl spielt sie allerhöchstens mal, wenn es ihr strategisch nützt. Ansonsten hat sie nicht viel dafür übrig, für ein süßes Herzchen gehalten zu werden – dank ihrer Passion aber das richtige Mittel für diejenigen parat, die genau das tun:
„If there is a thing I truly despise, it is being addressed as „dearie“. When I write my magnum opus, A Treatise Upon All Poisons, and come to „Cyanide“, I am going to put under „Uses“ the phrase „Particularly efficacious in the cure of those who call one „Dearie“.“

Bereits in ihrem jungen Alter ist die Nachwuchs-Chemikerin eine überzeugte Feministin. Was bleibt einer auch anderes übrig, bei der irrsinnigen Behandlung, die die Welt Frauen und Mädchen zuteil werden lässt? Beispielsweise wenn der Kommissar sie als wichtige Zeugin nicht um einen Faktenbericht, sondern um eine Tasse Tee bittet:
„Without so much as a kiss-me-quick-and-mind-the-marmalade, the only female in sight is enlisted to trot off and see that the water is boiled… The nerve! The bloody nerve!“

Und das, obwohl sie alles hat, was es für eine wertvolle Zeugin braucht. Eine genaue Beobachtungsgabe. Einen cleveren, analytischen Kopf. Die Abgebrühtheit einer Person, die sich in brenzliger Lage fragt, was Marie-Anne Paulze Lavoisier wohl in dieser Situation getan hätte, statt die Nerven zu verlieren.

Eben dadurch eignet sie sich auch bestens als Ermittlerin mit ganz eigenen Methoden. Als solche möchte ich sie euch ans Herz legen.

Nach allem, was ich bisher geschrieben habe, könnt ihr euch sicher vorstellen, dass der Fund einer Leiche im Buckshawschen Gurkenbeet Flavia nicht völlig in Angst und Schrecken versetzt. Eher in einen Zustand kitzelnder Neugier, ja fast schon Freude. Neugierig und vorfreudig können auch die Leser*innen sein, denn damit beginnt ihr erster von bisher acht Fällen.
Das englische Original heißt „The Sweetness at the Bottom of the Pie“; in der deutschen Übersetzung lautet der Titel sinnigerweise „Mord im Gurkenbeet“ und ist bei Blanvalet erschienen.

Ich persönlich kann mich ja durchaus auch für männliche Spurensucher mittleren Alters erwärmen, die  wortkarg durch die Landschaft Skandinaviens/Großbritanniens/der USA/Frankreichs [Fehlendes bitte hier ergänzen: ______________ ] eigenbrödel-rödeln. Aber falls euch die zu langweilig sind oder ihr einfach mal Lese-Appetit auf was anderes habt – Flavia de Luce Mysteries sind eine echte Alternative.

 

Buch Tipp: Rasha Abbas, Die Erfindung der deutschen Grammatik

Was haben Jobcenter-Beamte, Sherlock Holmes und die Apokalypse gemeinsam? Sie alle tauchen in „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ auf, Rasha Abbas´ neuem Band mit Kurzgeschichten rund um den Flüchtlingsalltag in Deutschland. Ein oft ungewöhnliches, meist vergnügliches Zusammentreffen skurriler Welten.

Mit „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ ist im März 2016 Rasha Abbas´ dritter Kurzgeschichten-Band zunächst im E-Book-Verlag mikrotext, später auch als Taschenbuch bei Orlanda erschienen. Abbas ist eine syrische Autorin und Journalistin. Derzeit lebt sie in Berlin.

Von den Abenteuern, um nicht zu sagen: kleinen Odysseen, die sie als Geflüchtete aus Syrien in unserer Hauptstadt erlebt, handeln die Erzählungen, die sie in dem etwas über 100 Seiten schmalen Bändchen versammelt. Beziehungsweise müsste es korrekter heißen, dass die Geschichten mit ganz banalen Situationen ihres Lebens, einer Wohnungsbesichtigung etwa oder einer Unterrichtsstunde im Integrationskurs, beginnen. Um sich oft zu völlig surrealen Szenarien auszuwachsen.

Mit feinem Gespür deckt Abbas die reale Absurdität kleiner Alltagsmomente auf – mit riesiger Fabulierlust steigert sie den Irrsinn ins Fantastisch-Unermessliche. Die Geschichten wirken mitunter comicartig überdreht, aber deswegen dem Ernst der Lage nicht weniger angemessen. So ist es beispielsweise erstaunlich, wie passend die Betrachtung eines Behördengangs als besonders kniffliges Videogame mit unterschiedlichen Leveln erscheint. Fast könnte man meinen, dass er auch für den*die Leser*in in dieser Sichtweise zum ersten Mal Sinn ergibt.

Ebenfalls skurril ist das Personeninventar. Abbas fährt eine Parade diversester kurioser Gestalten auf, die jedoch allesamt so oder zumindest erschreckend ähnlich in der Wirklichkeit vorkommen (könnten). Vom brummeligen Vermieter, für den alle ausländischen Namen gleich klingen, zu den beiden syrischen Freunden, die sich darum streiten, wer weniger Flüchtling ist als der andere. Vom Hipster, den man nur mit Dosenfleisch-Wasser auf Abstand halten kann, zum Dealer, der als wandelndes schlechtes Vorbild eine aufklärerische Hip Hop-Karriere hinlegt.

Abbas´ Witz mag stellenweise ziemlich bissig sein, gehässig aber ist er nicht. Das liegt daran, dass sie niemals eine bestimmte Menschengruppe allein vorführt. Vielmehr verteilt sie augenzwinkernde Spitzen in alle Richtungen. Frei nach dem Motto: wahre Toleranz ist, wenn man alle gleichermaßen durch den Kakao zieht. Nicht zuletzt sich selbst.

Wie es seit jeher die oberste Regel der Komödie ist, stellt sie dabei die Ordnung gehörig auf den Kopf. Und lässt sie so stehen. Das ist ebenso unterhaltsam wie aufschlussreich. Vor allem, wenn es um die Tücken der Selbst- und Fremdwahrnehmung geht, um Vorurteile und Neusein in einem anderen Land, einer anderen Sprache.

Mit ihren im Durchschnitt um die 10 Seiten sind die einzelnen Erzählungen nicht nur kurz, sondern auch kurzweilig. Sie eignen sich daher bestens für Zugfahrten, als Balkon- oder Baggersee-Lektüre. Das mag ungewöhnlich für ein Buch zu einem solch ernsthaften Thema sein. Manch eine*r mag sich sogar fragen: Geht denn das, auf solche Weise über einen derartigen Inhalt zu schreiben? Noch dazu in einem grellgelb-pinken Bändchen, das auf den ersten Blick seine Zugehörigkeit zur Popliteratur verrät.

Ich sag mal ganz vorsichtig: ja. Und empfehle für den Einstieg meine persönliche Lieblingsstory „Hipster-Apokalypse“.