Freie Fahrt

Viel zu früh am Morgen. Ich sitze im Zug nach München.

Auch wenn ich ebenso großzügig wie treffsicher bereits meinen zweiten Kaffee auf den weißen Partien meines Rucksacks verteile, bin ich doch denkbar weit vom Wachzustand entfernt. Nicht gerade der beste Moment, mich auch nur nach so etwas Simplem wie meinem Befinden zu fragen.
Einmal ganz zu schweigen von komplexeren Fragen wie denen nach meinem Glauben, meinem Zugehörigkeitsgefühl zu dieser oder jener Gruppe oder meinen alltäglichen Lebenspraktiken und was ich damit ausdrücken will (oder auch nicht).

Der jungen Frau hinter mir geht es da ähnlich. Jedenfalls klingt ihre Stimme sehr müde, so als würde sie eine Mütze Schlaf jedem Gespräch vorziehen. Aber leider wird das nichts mit dem Schlafen, denn sie hat einen entscheidenden „Fehler“ gemacht: Sie trägt ein Kopftuch.
Und so wird die junge Frau von einer nicht mehr ganz so jungen Frau ausführlich dazu befragt, was es denn so mit „ihrer Kultur“ auf sich habe, mit dem Kopftuch, dem muslimischen Glauben, den Gepflogenheiten ihrer „Landsleute“. (Ob die nicht mehr ganz so junge Frau sich dessen bewusst ist, dass es ziemlich viele Länder gibt, in denen Muslime leben und Kopftücher getragen werden? Deutschland z.B.?)
Die Fragende versichert in jedem dritten Satz, wie „total interessiert“ sie ist und wie froh, endlich einmal jemandem direkt ihre vielen Fragen stellen zu können. Ihre unfreiwillige Interviewpartnerin ist bestimmt etwas weniger froh darüber, antwortet aber tapfer, geduldig und freundlich. Auch der anderen Dame könnte man keineswegs vorwerfen, dass sie nicht nett und freundlich wäre. Summa summarum: ein freundliches Zuggespräch, initiiert von jemandem, die es bestimmt nicht böse meint, sondern wahrscheinlich einfach Dinge verstehen will, die ihr bislang eher fremd waren.

Ich habe daher nicht die Absicht, über besagte Dame bzw. deren Verhalten zu meckern. Vielleicht habe ich aber in diesem Zug-Moment eine kleine Einsicht. Darüber, was dieser ominöse Begriff „Privileg“ konkret bedeuten könnte.

Dazu erst einmal ein kleiner Einschub:
Immer wieder begegnet mir die Rede vom „Privileg“ oder vom „privilegiert-Sein“. Dem Privileg der Weißen gegenüber den Nicht-Weißen beispielsweise. Klar, ich sehe wo der Hase hinläuft, und dass mensch dem kaum widersprechen kann. Dennoch habe ich in der Regel den Impuls, dieses „privilegiert-Sein“ weit von mir zu weisen, und die Tendenz, mich ein wenig beleidigt darüber zu fühlen, dass jemand „Privilegien“ auch nur von fern mit mir in Verbindung bringen könnte. Ich glaube, damit bin ich nicht allein.

Das wiederum dürfte an den Assoziationen liegen, die diese Begriffe wecken:
Bei „privilegierten“ Menschen denken wohl die meisten von uns 1. an eine Art Jet Set-Lifestyle. An Rumlümmeln auf der Yacht bei Saint-Tropez, Abendessen mit Scheichs in Dubai (Verhandlungen über Luxus-Immobilien inklusive), Skifahren in Ischgl auf diamantbesetzten Brettern usw. usf. Und wer hat das schon?! Die Geissens vielleicht.
„Privilegiert“ klingt 2. nach der Art von Leuten, denen immer schon der Goldstaub völlig unverdientermaßen in den Popo geblasen wurde. Nach denen, die niemals haben Kämpfe ausfechten oder sich für irgendetwas anstrengen müssen. Und wer ist schon so jemand oder will als so jemand gesehen werden?! Eben

Aber vielleicht geht es bei „Privilegien“ ja um eine Art von Luxus, der so unscheinbar ist, dass wir ihn gar nicht erst als solchen betrachten?
Ein Luxus, wie ich ihn – im Unterschied zu der Frau mit dem Kopftuch – gerade genieße: Den angenehmen Umstand, einfach mal ungestört von A nach B zu gelangen. Ohne schiefe oder auch nur neugierige Blicke. Ohne doofe Sprüche oder eklige Anmachen. Auch ohne wohlgemeint-interessierte Nachfragen.
Einfach mal ungestört von A nach B fahren. Nicht nur auf Bahnreisen, sondern auch unterwegs zu anderen Zielen, die ich erreichen möchte.

Ungestört sein, das heißt und liegt daran, dass ich niemandem groß auffalle. Oder noch genauer gesagt: dass ich niemandem als „anders“ oder „besonders“ auffalle.
Kein einzelnes Merkmal drängt sich so dermaßen in den Vordergrund, dass es den gesamten Menschen dahinter verschwinden, weil zu einer Art Außerirdischem werden lässt.
Der unbewusste Scan meiner Mitmenschen ergibt in der Regel, dass an mir nichts „verdächtig“ Andersartiges ist. Meine Mitgliedschaft im Club der normalen, ergo für zurechnungsfähig und halbwegs berechenbar gehaltenen Menschen wird daher nicht weiter hinterfragt.
Ich bin eine in diesem Sinne nicht fragwürdige Person, und so lässt man mich prinzipiell problemlos das tun, was Mitglieder des normale-Leute-Clubs eben zu tun pflegen. Arbeiten oder studieren. Wohnungen mieten oder Häuser kaufen. Heiraten und Familie gründen. Alle möglichen Gebäude oder die Toilette meiner Wahl betreten und sämtliche Stockwerke erreichen. Sogar ohne fremde Hilfe. Eine Meinung haben und diese äußern. Sogar mit der echten Chance, Gehör zu finden. Meine Projekte in die Tat umsetzen. Oder auch mal Zug fahren.

Wie gesagt ist das IN DER REGEL für mich so. Je nach Kontext können schließlich schon Kleinigkeiten ausreichen, um eine Ausnahme von dieser Regel zu „provozieren“. Nicht völlig irgendwelchen Körperidealen zu genügen, beispielsweise.

Wie auch schon gesagt laufen die beschriebenen Dinge des Alltags für mich PRINZIPIELL problemlos.
Was keineswegs heißt, dass nicht doch unterwegs Schwierigkeiten und Hindernisse auftauchen können. Wie das ja auch bei der Bahn immer wieder einmal passieren kann: Es kann Verspätungen und verpasste Anschlusszüge geben, oder man kann sich in der allmorgendlichen motorischen Verpeiltheit mit Kaffee bekleckern. Genau so kann jede*r von uns, unabhängig von irgendwelchen Eigenschaften, auf der Arbeit, in der Freizeit, in zwischenmenschlichen Beziehungen Chancen verpassen oder erst gar nicht geboten bekommen. Aus unerfindlichen Gründen ausgebremst werden oder sich selber im Weg stehen.

Ich habe also keineswegs einen absoluten Freifahrtschein für alles, erst recht nicht direkt ins Glück. Aber im Vergleich zu vielen, vielen anderen Menschen genieße ich doch in vielen, vielen Situationen freie Fahrt.

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Feine Unterschiede

Da habe ich doch mal wieder was dazu gelernt: nämlich dass die Pfälzer*innen ein offenes, freundliches Völkchen zu sein scheinen.

Zumindest haben sie wohl keine Probleme damit, wenn jemand sich in einem Café oder einer Kneipe zu ihnen setzt. Meine Gesprächspartnerin und ich sind uns einig, dass das ja wohl von Region zu Region unterschiedlich üblich ist. Und dann natürlich nicht nur von Region zu Region, sondern auch von Land zu Land, füge ich hinzu. Das ist in Frankreich noch mal anders als in England oder Mexiko oder Botswana, klar.

 

Schon sitze ich im Fettnäpfchen. Oder auch im Töpfchen der unschuldig Doofen.

Wenn innerhalb Deutschlands die Leute in verschiedenen Regionen unterschiedlich reagieren, dann verhalten sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht sämtliche Menschen überall in Frankreich oder Botswana gleich. Den Gedanken hätte mir allein schon die Logik aufdrängen können. Oder mein Wunsch nach Differenziertheit, den ich durchaus besitze.

 

Dennoch lag meine Reaktion genau so nahe wie dieser logische Schluss, womöglich sogar näher. In solchen Situationen scheint eine andere Logik zu greifen, ein anderer quasi-automatischer (aber vielleicht nicht entautomatisierbarer?!) Denk-Mechanismus:

Der (bewusst) gewünschte differenzierte Blick scheint sich allzu oft nur auf sich selbst, das Bekannte, die Gruppen, zu denen man gehört, zu richten. Das Andere, Unbekannte, Ungewohnte, Ferne scheint diesem Blick (unbewusst) zu etwas Homogenem zu verschwimmen.

 

Das Eigene: eine komplexe 3D-Landschaft, nach außen hin an ihren Grenzen immer weiter ausufernd, in sich immer feiner verästelt und verzweigt. Mindestens so wie Westeros und Essos im Vorspann zu „Game of Thrones“, untermalt von einer heroischen Titelmelodie.

Das Andere: plane Fläche, bestenfalls

Schlimmstenfalls amorphe Masse, die irgendwie – man weiß es nicht so ganz – auf einen zuzuwabern scheint und – auch das kann man nie wissen – dabei eine Bedrohung darstellen könnte. Und wenn es nur eine Bedrohung der eigenen Bequemlichkeit ist, die im höchst einförmigen Plural daherkommt:

Die Flüchtlinge. Die Frauen. Die Veganer. Die Homos. Die Behinderten. Die Muslime.

 

Und dann auch noch diese Fragen, diese nervtötenden Fragen, die sich mir, dir, uns dabei vielleicht stellen… Wollen DIE was von mir? Was wollen DIE denn bloß? Muss ich mich DAMIT jetzt auch noch auseinandersetzen?!?