Mythen und Märchen im deutschen TV #3: „Das doppelte Rumpelstilzchen“ (Andreas aus „Frauentausch“ und Detlef Steves aus „Ab ins Beet“ etc.)

Es ist Klassiker-Time bei den Mythen und Märchen.

Dieses Mal möchte ich „Frauentausch“, einen echten Evergreen unter den Trash TV-Shows, in den Fokus eurer geschätzten Aufmerksamkeit rücken, und mit diesem Dauerbrenner hochkarätiger Unterhaltung eine der hervorstechendsten Gestalten, die je in dem beliebten Format in Erscheinung getreten sind… Vorhang auf und Bühne frei für: Andreas.

Dass es Zeit für so viel geballte Kultigkeit wird, verdankt sich wiederum einem absoluten Klassiker der TV-Märchencharaktere, nämlich Rumpelstilzchen.

Die Figur des jäh aufbrausenden Cholerikers erfreut sich allerspätestens seit dem HB-Männchen medial größter Beliebtheit. Warum und weshalb, darüber könnte man jetzt viel spekulieren. Ist es für das moderne Subjekt, dem (Selbst-)Kontrolle als oberstes Gebot auferlegt wird, eine Art kathartische Erfahrung, die hemmungslosen Zornes-Entladungen anderer Menschen mitzuerleben? Oder ist es einfach eine Riesen-Gaudi, einem Rumpelstilzchen dabei zuzusehen, wie es mit Schimpftiraden und ulkigen Gesten komplett ausrastet? Who knows…

Fest steht, dass in meiner persönlichen Historie fernsehbetreuten Müßiggangs ein Mann ganz klar den Rumpelstilzchen-Contest für sich entschieden hat – eben jener bereits erwähnte Andreas, der am lehrreichen RTL2-Experiment „Frauentausch“ teilgenommen hat.

Falls ihr noch nicht in den Genuss dieser Sendung gekommen seid, fasse ich euch kurz die Grundregeln zusammen: Familie 1 tauscht die Mutter mit Familie 2. Für die Dauer von zehn Tagen soll die eine in der Familie der anderen deren Rolle, Aufgaben, Strukturen usw. übernehmen. Das Ganze ist umso spannender als keine der beiden Tauschpersonen vorher weiß, wo sie landen und welche Lebensweise sie dort erwarten wird.

Nebenbei sei noch bemerkt, dass ausgerechnet RTL2 in Form von „Frauentausch“ einen so fortschrittlichen, realitätsangemessen bunten Begriff von Familie hat, wie er einem nur selten begegnet. Eine Tausch-Familie kann sich ganz traditionell aus einer Mutter-Vater-Kind(er)-Kernfamilie zusammensetzen, muss es aber nicht. Genauso gut kommen Patchwork-Familien vor und alleinerziehende Mütter, denen von den Großeltern bei der Kinderbetreuung unter die Arme gegriffen wird. Auch WGs oder WG-artige Konstrukte können mit von der Partie sein, ja sogar ein Gespann von Freund*innen mit oder ohne Kinder, die noch nicht einmal dieselbe Wohnung, wohl aber ihr Leben tagtäglich miteinander teilen.

Ähnlich flexibel wird der Begriff „Mutter“ ausgedehnt. Klar, in vielen Fällen meint er das Übliche, sprich: eine weiblich gelesene Person, die ein Kind geboren hat und sich als dessen primäre Bezugsperson um es kümmert. Prinzipiell jedoch verstehen die Frauentausch-Redakteure darunter eher so etwas wie eine bestimmte Funktion innerhalb eines Personengefüges. Die Mutter-Funktion kann dabei ohne Weiteres von einer kinderlosen Person erfüllt werden. Und, warum eigentlich nicht, auch von einem Mann.

Aber nun flugs zurück zu Andreas, der sich ganz „klassisch“ in einer Mutter-Vater-Kind-Konstellation bewegt. Frauentausch sei Dank muss er die Tauschperson bei einer Aufgabe unterstützen, die vom Schwierigkeitsgrad her in etwa mit Stroh zu Gold spinnen mithalten kann: Sie soll den Kinderchen zumindest zeitweise die Mama ersetzen.

So weit, so gut, Andreas zeigt sich die ersten Minuten lang einsatzbereit wie ein eifriger Pfadfinder. Bis die Tausch-Mutti Dinge ans Tageslicht bringt, die sie nie hätte wissen dürfen. Dass die Bude dreckig und chaotisch aussieht. Dass vor allem das Kinderzimmer in einem üblen Zustand ist. Und dann auch noch, dass das hochtoxische Putzmittel so gefährlich gar nicht ist und außerdem für etwas anderes verwendet wird als Andreas dachte.

Wie mag sie all das bloß erfahren haben? Das hat ihr sicher der Teufel gesagt!

Bei so heftigen Triggern muss Andreas ja ausrasten. Er tobt, beinahe verhalten erst, dann in stetigem Crescendo. Was ihm an Eloquenz fehlt, macht er an Explosions- und Lautstärke wieder wett.
„HALT STOPP!!“ brüllt er ein ums andere Mal, nur er selbst ist nicht mehr zu bremsen. Die Luft vibriert vom angriffslustigen Kettensägen-Schliff seiner Stimme. Die Tür knallt. Die Wand wackelt. Der Pin Up-Kalender fällt.

Zurück bleibt eine ebenso verblüffte wie leicht verängstigte Tausch-Mutti. „Wow… “ steht ihr ins Gesicht geschrieben. „Wow…“ denken wir vor den Bildschirmen.

Und viel mehr als „Wow…“ lässt sich zu diesem und den folgenden Ausbrüchen von Andreas kaum sagen. Eindrucksvoll.

An diese Manifestation purer Rumpelstilzchen-Energie heranzukommen, ist kein Leichtes. Andreas ist für mich, wie gesagt, bisher unerreicht. Dennoch möchte ich eine stabile Silbermedaille an ein weiteres cholerisches Talent vergeben, das wir aus dem Fernsehen kennen: an Detlef Steves, der seine ersten TV-Auftritte bei der VOX-Sendung „Ab ins Beet!“ hatte.

„Ab ins Beet!“ lässt uns vordergründig beobachten, wie Paare, Freunde und/oder Verwandte miteinander im Garten arbeiten. Aber das ist nur ein Vorwand. Eigentlich ist das Gärtnern bloßer Anlass für die Teilnehmenden, rhetorisch zu Hochtouren aufzulaufen und sich gegenseitig mit Sprüchen zu bombardieren.

Sich in die großartigsten Wortneuschöpfungen gekleidete Halb-Freundlichkeiten an den Kopf zu knallen, während man gemeinsam an einer Aufgabe werkelt, schafft eine tiefere Verbindung als jede Paartherapie. Oder wie Menschen sagen würden, die sich verständlicher ausdrücken: Was sich liebt, das neckt sich.

In dieser hochgradig entspannenden Sendung tauchte Detlef Steves zum ersten Mal auf den Fernsehbildschirmen auf. Detlef, auch „Deffi“ genannt, ist eine Seele von Mensch. Ein Niederrheiner, wie er im Buche steht — manchmal rauh, meistens herzlich, nie um einen Spruch verlegen.

Eigentlich will Deffi nur eine gechillte Zeit mit Frau, Hund oder seinen gefühlt Millionen von Bekannten verbringen. Wenn die eigene Kreativität oder ein Wunsch der Gattin ihn nicht dazu antreiben würden, immer wieder neue Projekte in Haus und Garten anzufangen… Die eigentliche Herausforderung für den einstigen Pizza-Bäcker ist allerdings nie die Aufgabe als solche, sondern die Ruhe zu bewahren. Das klappt so ziemlich genau nie.

Die Zuschauer*innen müssen selten lange warten, bis Vulkan Detlef beim kleinsten Anlass ausbricht. Dann wird aus dem gutmütigen Bärchen mit Kinnbart ein schimpfender Rohrspatz. Erstaunlich, was er nicht schon alles „verbimsen“ oder welchen Gegenständen er bereits „eine Kopfnuss verpassen“ wollte. Da werden Steine zur „kleinen Zicke“ und Konflikte mit nicht fallfreudigen Ästen schon mal „persönlich“ genommen.

(Ich persönlich finde das ja sehr sympathisch, wenn auch andere Menschen in einem kommunikativen Verhältnis zur Materie stehen, sogar zur unbelebten. Auch wenn sich die Kommunikation meist einseitig gestaltet. Wobei… ich weiß nicht, ob die Gegenstände mir nicht manchmal durch ihre störrische Trägheit oder ihre plötzliche Verliebtheit in die Schwerkraft doch etwas sagen wollen.)

Fluchend und wütend hat Deffi inzwischen so manches Format erobert: er hat bei „Ab in die Ruine!“ die Tücken des Heimwerkens veranschaulicht, in „Die Superchefs“ sein eigenes Restaurant eröffnet, ist bei „Detlef muss reisen“ unfreiwillig um die Welt gejettet, hat bei „Let´s Dance!“ das Tanzbein geschwungen und Clipfish mit seinen „Life Hacks“ bereichert. Wahrscheinlich hat er sich noch durch zig Projekte getobt, von denen ich nichts mitbekommen habe.

Der Original-Märchen-Choleriker wäre stolz auf Andreas und Detlef. Aber er hat definitiv noch viele andere würdige Nachfolger gefunden. Welches ist euer liebstes Fernseh-Rumpelstilzchen?

Ich bin mir sicher, dass diese TV-Figur in naher Zukunft nicht aussterben wird. Nur eines wird den Rumpelstilzchen von heute,  in Zeiten des Internets noch viel schwerer gemacht: ihre Identität dauerhaft zu verbergen.

PS: Lust auf noch mehr TV-Mythen und -Märchen? Wie wäre es mit Don Quijote oder Sisyphos?

 

 

 

 

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Mythen und Märchen im deutschen TV #2: Don Quijote de Mallorca (Jens Büchner aus Goodbye Deutschland)

Prolog

An einem Orte irgendwo in Sachsen, an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann, lebte noch vor nicht allzu langer Zeit ein deutscher Durchschnitts-Mann: mittelalt, mittelgroß, mittelschlank, mittelsympathisch, mittelviel Haupthaar. Wer ihn in seiner Heimat auf der Straße sah, dem hätte an ihm nichts allzu Besonderes auffallen können. Aber seine Mitmenschen und auch solche, die ihn nie gekannt hatten oder ansonsten nie kennengelernt hätten, sollten ihn bald aus der Ferne ganz anders zu sehen bekommen…


Auf ins Glück!

Der Don Quijote, von dem hier die Rede ist, heißt mit bürgerlichem Namen Jens Büchner. In seiner sächsischen Heimat arbeitete er als Finanzwirt, hatte eine Frau und zwei Töchter, die sozusagen aus dem Gröbsten heraus waren. Alles in allem ein geregeltes Leben, aus dem er jedoch auszubrechen beabsichtigte. Auf das meeresumwogt ferne und doch qua 17. Bundesland den Deutschen scheinbar so nahe Eiland Mallorca sollte ihn nun ebenso dringlich wie relativ plötzlich sein weiterer Lebensweg führen.

Das vordergründige Motiv dieses radikalen Umbruchs war die Beziehung zu einer Frau, und der Wunsch, mit dieser den Rest seines Lebens zu verbringen. Jens hatte sich unsterblich in seine um die 20 Jahre jüngere Kollegin Jenny verliebt, mit der er, der verheiratete Mann, heimliche Turtel-Urlaube auf Mallorca genoss. So blitzartig erwischte ihn Amors Pfeil, dass er bald beschloss, sein bisheriges Leben in jeder erdenklichen Weise hinter sich zu lassen: neue Frau, neuer, nie zuvor ausgeübter Job als Boutiquen-Besitzer, neuer Wohnsitz. Dass für letzteren nur eben jenes Mallorca, Sehnsuchtsort und Ziel der ersten gemeinsamen Liebesfluchten, infrage kam, war Jens und Jenny von vornherein mit der ganzen Wucht der Irrationalität klar. Mallorca, quasi die letzte Ausfahrt vor Utopia.

Soweit die offizielle Begründung für diesen gewagten Schritt. Ein kleines, aber bedeutsames Detail kann uns allerdings auf die Fährte des eigentlichen Motivs lenken: Jens lässt sich bei seiner Auswanderung vom Kamera-Team der beliebten VOX-Serie „Goodbye Deutschland“ begleiten.

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Was Jens denn wirklich dazu bewegte, sich auf die Reise in eine für ihn neue Welt zu begeben, fragt ihr euch? Nun: Er hatte eindeutig zu viele Glücksritter-Sendungen im Fernsehen gesehen. Geschichten von Menschen, die es, begleitet und gepusht vom TV, vermeintlich zu Ruhm, Ehre und Vermögen gebracht hatten. So sehr hatten diese Stories seinen übermäßig fantasievollen Geist korrumpiert, dass er sich irgendwann in seinem Innersten selbst als einer ihrer Helden wähnte.

Auswandern also. Ja, das schien ein guter Auftakt für Jens´ ganz eigene Geschichte zu sein, und so war es auch:
Gerne folgten Kamera-Team und Zuschauer*innen den erwartbar unerwarteten Turbulenzen der ersten Zeit. Die Balearen-Insel stellte für Jenny und vor allem Jens so manche Hürde auf, die es mit dem Fernsehen im Rücken zu überwinden galt. Dass diese Spanier*innen auf den Ämtern und in den Läden Mallorcas aber auch alle spanisch sprechen müssen! Kein Wort deutsch sprechen die mitunter! Beinahe so wenig deutsch wie Jens spanisch spricht. Und wer hätte denn vorher divinieren oder sich gar irgendwie darüber informieren können, dass im Winter auf Malle geschäftlich tote Hose ist und man daher den Sommer über das Geld für das gesamte Jahr verdienen muss? Überhaupt ist das nahezu unverschämt schwierig so eine Boutique in die Gänge zu bringen, wenn man es noch nie gemacht und null Ahnung von Selbstständigkeit, spanischer Bürokratie oder Mode hat…

Aber, allen Widrigkeiten zum Trotz, schien es zu klappen mit dem jungen Glück. Jens hatte mit Jenny inzwischen einen kleinen Sohn, die Boutique wurde eröffnet und lief, auch „Goodbye Deutschland“ sei Dank, gar nicht mal so schlecht an, Malle hielt, was es an Sonnenschein versprochen hatte. Als krönenden Höhepunkt sahen die geneigten Zuschauer*innen Jens schließlich seiner Jenny ganz romantisch in einer Bucht einen Heiratsantrag machen, den sie selbstredend mit Tränchen in den Augen annahm.

 

Krisis und Kurskorrektur

Happy end am Sonnenstrand, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch so weiter? Oh nein. Jens´ Geschichte sollte einen komplett anderen Verlauf nehmen.

Wir werden Zeuge, wie irgendwann recht plötzlich in diesem aufkeimenden Idyll eine Krise über Jens hereinbricht, und zwar dem ersten Anschein nach eine gesundheitliche. Jens glaubt sich krank, todkrank möglicherweise. Er hat Atembeschwerden, kriegt immer wieder kaum noch Luft. Er lässt sich vom Arzt untersuchen, der glücklicherweise nichts Ernstes findet. Puh, Schwein gehabt, weiter geht´s, nach diesem Schock mit noch mehr Elan und Lebensfreude, könnte man meinen.

Aber dieser Krisenmoment scheint etwas in Jens ausgelöst zu haben bzw. nur der Höhepunkt einer schon länger andauernden Entwicklung zu sein. So harmonisch, wie die Zuschauer*innen glaubten, war es bei Jens und Jenny dann offenbar doch nicht. Jens´ neueste hypochondrische Arien werden Jenny nun vollends zu theatralisch, sie hat es satt, im wahrsten Sinne des Wortes alleine das Kind schaukeln und den Laden schmeißen zu müssen. Da kann sie auch gleich Single sein, dann muss sie wenigstens nicht Jens´ Genöle ertragen. Und so kommt es, dass das Auswanderer-Traumpaar Jens und Jenny sich trennt.

Jens´ Krise ist natürlich hochgradig symbolisch. Sein physisches Überleben mag zwar nicht auf dem Spiel stehen – in seinem Unbewussten fühlt er sich jedoch in seiner TV-Glücksritter-Existenz bedroht. Eine gelungene Auswanderung, die in ein zufriedenes, ruhiges Leben mit Frau und Kind mündet, wer will das schon auf die Dauer im Fernsehen anschauen? Gut, den einen oder anderen Rückschlag gibt es immer, inklusive erneutem sich-Hochkämpfen. Aber sonst? Langweilig! In seinem tiefsten Inneren erdrückt Jens diese Aussicht. Die Banalität dieser neuen Alltäglichkeit nimmt ihm die Luft zum Atmen.

Die richtig guten Glücksritter-Stories sehen anders aus, das weiß doch jede*r. Wahre Glücksritter folgen einer künstlerischen Berufung, und wenn es auch nur die Berufung zum Lebenskünstler ist. Dass Jens eine Veranlagung gerade zu Letzterem in sich spürt, stellt er bald eindrucksvoll zur Schau.

 

Abenteuerliche Arabesken: Don Quijote meets Don Juan

Nachdem Jens bei Jenny ausgezogen ist, startet er ein Himmelfahrtskommando nach dem anderen. An Ideen mangelt es ihm wahrlich nicht. Je bekloppter, desto besser – mein persönliches Highlight: der Verkauf eines ganz besonderen Schmankerls unter den Jens-Fan-Artikeln, namentlich ein Briefbeschwerer, der von Jens´“hocherotischem“ (Büchner über Büchner) Konterfei geziert wird. Wer will so etwas eigentlich nicht auf dem Schreibtisch stehen haben?!? Je vernünftiger ein Projekt, desto weniger Chancen hat es, dauerhaft realisiert zu werden. Einen Kellner-Job etwa, den ihm mitfühlende Menschen anbieten, damit er irgendwie über die Runden kommt, lässt er nach wenigen Tagen sausen, ohne die betreffenden Chefs darüber zu informieren. T-Shirt-Kollektion, Restaurant-Leitung, Moderation eines „Mr Beach“-Wettbewerbs, schließlich die neue alte Idee, eine eigene Boutique zu eröffnen (rein zufällig gegenüber der Boutique seiner mittlerweile Ex Jenny)… vieles geht, nichts geht lange.

Ein nicht unbedeutender Teil der Abenteuer, in die er sich dabei stürzt, sind Liebes-Abenteuer. Unser Don Quijote besitzt durchaus Don Juan-Qualitäten; gefühlt alle zwei Wochen erobert er das Herz einer neuen Frau im Sturm. Diese Damen sind allesamt deutlich jünger, wesentlich besser aussehend und bereit, für Jens alles aufzugeben.

Die Frage, die mich schon im Hinblick auf die (ebenfalls viel jüngere, nicht auf den Kopf gefallene, sehr gut aussehende, große und schlanke) Ex-Verlobte Jenny umtrieb, stellt sich mir, wie wahrscheinlich allen Frauen liebenden Männern vor dem Bildschirm, erneut und immer wieder: Warum??? Wie macht der das bloß? Jens ist alles andere als ein Model. Er hat weder Geld noch Macht. Er will die Welt nicht mit bahnbrechenden Ideen oder Idealen verändern, besitzt keinerlei funkelndes Genie. Ist das dann dieser berühmte Charme, von dem immer alle reden? Zugegeben – den hatte ich mir auch anders vorgestellt.
[Im Übrigen ist es mir ein absolutes Rätsel, wieso Jens noch nicht die Eingebung hatte, Flirt-Seminare anzubieten. Bescheuerter als das, was er sonst schon alles ausprobiert hat, wäre das nun wirklich nicht.]

Jens´ stürmische Beziehungen verlaufen stets nach dem auch schon von der Jenny-Story bekannten Muster: Am Anfang verknallt er sich „heftig“ („Mit der xy… das ist schon… heftig!“ hören wir ihn ein ums andere Mal sagen), kann sich „alles vorstellen“ und spürt dementsprechend den Drang, sein ganzes Leben umzuschmeißen. Wie einen Teenie lässt ihn die jeweils angebetete Dulcinea im Liebesreigen taumeln und alles andere (Termine, Geschäfte, den kleinen Sohn…) vergessen. Doch Wolke 7 produziert eher früher als später heftige Gewitter; ein seifenoperreifes Spektakel aus Enttäuschung, Zoff, Tränen und Wut lässt nie lange auf sich warten.

Das hat unser Traum-Insulaner nun von seinem glorreichen Ritt ins Abenteuer, Pech im Spiel, Pech in der Liebe, während seine daheimgebliebenen Angehörigen sich resignierend damit abzufinden versuchen, dass er wohl den Verstand verloren hat. Jens wirkt auf sie wie ein Getriebener. Ständig scheint er gegen irgendetwas anzukämpfen. Es können eigentlich nur imaginäre Riesen sein.
Wie er so vor der Kamera sitzt, das zerknitterte Hemd immer weiter aufgeknöpft, die Augenränder unter dem müden Hundeblick immer größer werdend, und sich selbst langsam als Gestrauchelten begreift, ist er wahrhaftig ein Ritter von der traurigen Gestalt.

 

Durchbruch durch ein gebrochenes Selbst

Man könnte also denken: Jens ist kläglich bei dem Versuch gescheitert, in die Fußstapfen der von ihm verehrten Glücksritter zu treten. Wer so denkt, hat allerdings den entscheidenden Twist verpasst. Denn in Wirklichkeit wird Jens, indem er vom Fernsehen begleitet kläglich bei dem Versuch scheitert, in die Fußstapfen der von ihm verehrten Glücksritter zu treten, durch diese Story selbst erfolgreich zum Glücksritter.
Beredter Ausdruck dieses schwindelerregend paradoxen Faktums: Jens feiert seinen endgültigen Durchbruch als „Künstler“ mit einer Spelunken-Hymne, deren Refrain „Geld weg, Frau weg, Laden weg – schallalala alles weg! Geld weg, Frau weg, Laden weg – ich bin pleite, aber sexy!“ lautet.

Die Menschen kennen ihn, sie haben seine Abenteuer bei „Goodbye Deutschland“ verfolgt. Begeistert sprechen sie ihn darauf an. Mehr noch, sie lieben ihn geradezu. Sie wollen Autogramme, sind ihm zugetan und machen ihm – obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten – die tollsten Angebote. Mindestens ebenso wichtig wie die Leute, die ihn mögen, sind die nicht minder vielzähligen, die ihn so richtig sch…recklich finden, weil er somit die Nr.1 Top-Qualität eines richtigen TV-Helden besitzt: er „polarisiert“.

An diesem Punkt wird es Zeit für einen im Grunde längst überfälligen Sancho Panza. Fortan steht dem eher gedrungenen Jens daher ein gigantisch langer Mensch mit dem sinnigen Spitznamen „Hightower“ zur Seite. Dieser gutmütige Riese macht den Job des Bodyguards und Kindergärtners sicher nicht, weil er unseren Ballermann-Barden für einen aussichtsreichen Entertainer hält. Vielleicht braucht er das Geld. Vor allem aber denke ich, dass er denkt: Man wird Jens niemals vor dem Schlimmsten (sich selbst) bewahren können, womöglich aber vor dem Zweit- bis Zweitausendschlimmsten (den vielen kleinen und großen Kollateralschäden des Jens-Seins). Wenn er sich z.B. partout nicht davon abbringen lässt, sich in der ein oder anderen Höhle des Löwen der Bestie namens Publikum zum Fraß vorzuwerfen, dann kann man zumindest Letzteres davon abhalten, ihn mit Bierflaschen zu erschlagen. Es reicht, wenn sie ihm den blanken Hintern oder den Stinkefinger entgegenstrecken.

Betrachtet man also noch einmal von Neuem, dieses Mal durch das mehrfach gebrochene Objektiv der „Reality“ TV-Erzählweise, wie Don Jenser seinen Weg macht, bleibt als Urteil unterm Strich: das Stolpern und auf-die-Nase-Fallen läuft.

 

Wende ins Beschauliche durch die wahre Liebe?

Oder liefe. Wenn nicht ausgerechnet jetzt, wo wir nur das Abenteuerlichste von unserem Helden erwarten, der gute Jens uns erneut ein Schnippchen schlagen würde. Ein Schnippchen hin zu etwas, womit wir bei ihm wirklich am allerwenigsten gerechnet hätten, nämlich Bodenständigkeit. Klar, Bodenständigkeit in einer ganz eigenen Jens-Interpretation des Begriffs, aber dennoch.

„Schuld“ ist, mal wieder, eine Frau. Eine Frau, von der wir erst einmal recht lange nichts erfahren, weil er sie nicht gleich mit vor die Kamera zerrt. Und das, obwohl die beiden sich buchstäblich vor den Augen des Kamera-Teams kennengelernt haben, bei einem Auftritt des sächsischen Sängerknaben im denkwürdigen Delmenhorst. [Guck mal RTL, ich kann auch Alliteration!] Dort sprach die zukünftige Frau an seiner Seite ihn mit dem großartigen Unflirt-Spruch an, sie finde ihn „Scheiße, aber mutig!“ Einen besseren Auftakt für eine Romanze kann es kaum geben. Und so nahm das Schicksal denn auch seinen Lauf.

Heute lebt besagte Herzensdame, im Folgenden „Daniela“ genannt, mit ihrem Jenser auf Mallorca und erwartet nicht nur ein Kind von ihm, sondern gleich Zwillinge. Rafft man die Jens-und-Daniela-Story dergestalt, klingt sie zunächst nach dem üblichen Irrsinn. Eine Prise davon darf auch nicht fehlen, schließlich handelt es sich immer noch um Jens Büchner, und pure Vernunft darf sowieso niemals siegen.

Aber, aber, irgendwas ist anders… Vermeintliche Kleinigkeiten, die sich zu einer ernstzunehmenden Veränderung summieren.

Daniela unterscheidet sich von ihren Vorgängerinnen in einem zunächst oberflächlich anmutenden Punkt. Sie ist Jens altersmäßig um einiges näher, eine gestandene Frau mit beiden Beinen auf der Erde. (Dass sie sich auf Jens einlässt, scheint dem zu widersprechen, aber Menschen sind eben wandelnde performative Selbstwidersprüche.) Bei ihr scheint es Don Juan-Jens Quijote nicht nur um das Äußere zu gehen. Sie ist nicht sein Statussymbol, das er von einer öffentlich ausgetragenen peinlichen Beziehungskrise in die nächste schubst. Vielmehr können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass sie ihn im Griff hat. Und dass er Gefallen daran findet. Selbst wenn das bedeutet, dass er sich auch einmal kümmern, unbequeme Dinge erledigen oder Verantwortung übernehmen muss. Etwa für Danielas drei Kinder, in die er sich gleich mitverliebt hat. So kannten wir ihn noch gar nicht, hatte er sich doch bisher vor der Verantwortung für die eigenen drei Kinder eher herumgedrückt.

Auch Jens 24/7 Rampensau-Verhalten ist nicht mehr dasselbe. Allein dass er Daniela so lange vor der Öffentlichkeit verschont hat, wirkt verdächtig. Außerdem mag er zwar weiterhin quatschige Aktionen bringen, z.B. sich anlässlich eines Badenixen-Beauty-Contests in einen Meerjungfrauen-Schwanz (heißt das so?) zwängen oder des Nächstens in einschlägigen Diskos schiefe Töne trällern.

Aber irgendwie scheinen sich seine Haltung dazu und seine Sicht darauf gewandelt zu haben. Das heitere Vagabunden-Dasein ist nicht mehr sein ganzes Leben, nicht mehr die für ihn einzig mögliche Existenzform, in der er vollkommen aufgeht. Statt mittendrin zu sein scheint er fast schon mit dem distanzierten Blick des Zuschauers auf seine eigene Performance zu schauen, ein bisschen so wie wir. Wenn er ins Flugzeug zu seinem nächsten Auftritt steigt, freut er sich schon darauf, nach Hause zu seiner immer größer werdenden Familie zurückzukehren. Er geht auf die Bühne wie andere ins Büro.

Ob Jens auf seine alten Tage klar wird, dass Glücksritter auch nur ein Job ist – ein immens anstrengender noch dazu?


Epilog

Dschungelcamp 2017 – Mallorca Jens Büchner ist dabei!

Wenn wir ehrlich sind, haben wir es doch alle geahnt: Stabilität und Bodenständigkeit ist Jens´ Sache nicht. Nun wissen wir es mit Bestimmtheit. Der Schleier seiner Unvernunft und vermarktbaren Narretei hat sich nicht gelüftet. Ein Glück für RTL!

Denn der krächzige Stolperbarde unserer Herzen nimmt ab diesem Freitag, dem 13. (ja, ernsthaft!) am „Dschungelcamp“ des Kölner Senders teil. Damit erklimmt er den Olymp des Glücksrittertums, zugleich Gipfel und Tiefpunkt einer nicht steil, dafür umso schräger verlaufenden C-Z-Sternchen-Karriere.

Sollte man ihm jetzt dazu gratulieren und ihm alles Gute im Kampf um die Krone des Dschungelkönigs wünschen?
Ein Sangesspruch des Don Jens höchstselbst scheint mir als Schlammschlacht-Motto da schon passender: „Augen zu und durch die Nacht!“

 

Der männliche Mann

Neulich bei „Bauer sucht Frau“:
Ein Bauer sucht… na was wohl? Keine Frau. Sondern einen Mann.

Das ist jetzt nichts Neues, es gab über die Jahre hinweg schon mehrere Männer suchende Bauern und eine Frauen suchende Bäuerin.

Der aktuelle Bauer Jeroen nun, ein „kerniger Schweizer“, wünscht sich so einen richtigen Holzfäller-Typen: „Ich suche einen Mann, der mindestens genauso männlich ist wie ich selbst.“
Irgendwie hat mir das zu denken gegeben.

Wenn ich mich recht entsinne, kamen die schwulen RTL-Bauern oft maskuliner daher als viele ihrer heterosexuellen Mitbauern. Besonders denkwürdig ist mir ein Landbursche im Gedächtnis geblieben, der seinen potenziellen Romeo ein Huhn mit der Axt köpfen ließ, um dessen männliche Tauglichkeit auf die Probe zu stellen. Auch bei der lesbischen Bäuerin bin ich mir zu 90% sicher, dass sie sich explizit nach einer (zumindest optisch) weiblichen Frau umgesehen hat.

Ich finde das zunächst mal aufrichtig super, wenn so mit gängigen Homo-Klischees gebrochen wird. Dass ein Mann schwul ist, sagt eben erst mal nur aus, dass er auf Männer steht. Und nichts darüber, wie sehr er so ist, spricht, aussieht, wie wir es gemeinhin für „männlich“ halten. Schwule Männer flöten nicht den ganzen Tag mit nasal hohen Stimmen im Fummel vor sich hin, während sie sich bei einem Sektchen die Nägel lackieren. Ist doch prima, wenn RTL dahingehend auch noch für den letzten Pfosten vor der Glotze Aufklärungsarbeit leistet.
Dasselbe gilt natürlich mutatis mutandis für lesbische Frauen, die mensch sich ebenso wenig als männerhassende, unästhetische Holzfällerhemdenträgerinnen mit Bürstenhaarschnitt vorzustellen hat.

Nebenbei wird außerdem noch mit der heteronormativen Vorstellung aufgeräumt, dass ein Paar notwendig und komplementär aus je einem weiblichen und einem männlichen Teil besteht – notfalls eben aus je einem weiblichen und einem männlichen Mann respektive je einer weiblichen und einer männlichen Frau. In einer schwulen Beziehung sind zwei Männer zusammen, niemand ist „die Frau“; in einer lesbischen Beziehung sind zwei Frauen zusammen, niemand ist „der Mann“. Klingt gar nicht so komisch und ist einfach so.

So weit, so prächtig. Aber als Jeroen über seinen Traumprinzen, den männlichen Mann, sprach, habe ich mich ehrlich gesagt bei dem Gedanken ertappt: „Meine Güte, heutzutage schützt einen nicht mal mehr schwul sein vor überzogenen Männlichkeitserwartungen.“

Ich will dem, was ich gerade geschrieben habe, nicht widersprechen. Sexuelle Orientierung und der Ausdruck des eigenen Geschlechts sind ganz klar zwei verschiedene Paar Schuhe. Nichtsdestotrotz scheint mir aber doch eine sogenannte „abweichende“ sexuelle Orientierung das Spektrum der Möglichkeiten zu erweitern, wenn es darum geht, wie jemand sein Geschlecht versteht und ausdrückt.

Wenn Schwule allein wegen ihres Schwulseins nicht für „richtige Männer“ gehalten werden, dann können sie auch gleich darauf pfeifen, krampfhaft irgendwelchen Klischees von Männlichkeit entsprechen zu wollen, die ihnen vielleicht herzlich wenig entsprechen. Wer weiß, vielleicht ist der Klischee-Schwule nicht so „unmännlich“, weil er „eben so ist“, sondern weil er es darf. Nach dem Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!“ Wer kann schon mit Bestimmtheit sagen, ob nicht viel mehr Männer divenhaft, glitzerglamourös oder was weiß ich nicht noch sein würden, wenn es nicht total verpönt wäre?

Aber ganz so easy peasy scheint das mit der Freiheit zur Tuntigkeit doch nicht zu laufen, eventuell besonders dann, wenn man(n) schwul ist. Der geläufigen Homo-Karikatur entgegen scheint sich der Männlichkeitsdruck unter Schwulen eher zu erhöhen. Das ist jedenfalls mein unqualifizierter Eindruck vom periphersten Rande des Geschehens. (Korrigiert mich bitte gegebenenfalls, ihr, die es besser wisst!)

Vor nicht allzu langer Zeit geisterten auch Artikel (oder Videos?) zu der Frage durchs Internet, ob homosexuelle Männer nicht im Schnitt eigentlich viel männlicher als heterosexuelle sind. (Wo war das noch?) Wundern würde mich das, wiederum aus meiner beschränkten Perspektive, nicht. Wenn ich an den einen oder anderen schwulen Bekannten denke, beschleicht mich der Verdacht: mit diesen Titanen der Maskulinität werde ich im Leben nicht mithalten können. Es ist zum Komplexe entwickeln… Während zumindest einmal Teile der Männer liebenden Herren offenbar auf kernige Kerligkeit bei sich und potenziellen Sexualpartnern insistieren, wirken die meines Wissens primär an Frauen interessierten Typen in meinem Bekanntenkreis, meine Wenigkeit mitinbegriffen und abgesehen davon, dass wir natürlich die Allerhärtesten sind, nun… fast schon eher: knuffig.

Ob die Betonung der Maskulinität, der steigende Männlichkeitsdruck auch etwas mit dem vermehrten Angekommen-Sein (oder Ankommen-Wollen?) in der Mehrheitsgesellschaft zu tun hat? Muss man(n), um „normal“ im Sinne von weithin akzeptiert zu sein – so normal, dass man massentauglich von RTL als flirtender Bauer angeheuert wird – auch notwendig den bestehenden Normen gehorchen bzw. sie verinnerlichen?

Alles Quatsch? Bisschen was dran?
Was meint ihr?

Mythen und Märchen im deutschen TV #1: Sisyphos (Beate aus Schwiegertochter gesucht)

Kennt ihr das: Ihr sitzt vor der Glotze, schaut Schrott-TV … und habt den Eindruck, dass sich die Macher*innen hinter den Sendungen heimlich durch ihre Bildschirm-Figuren an uralten Mythen und Märchen abarbeiten?  Mir geht es immer einmal wieder so, dass ich als Subtext die griechische oder römische Mythologie, Grimms Märchen oder einen Roman-Klassiker quasi mitlaufen sehe.

Allerdings nicht durch mehr oder weniger versteckte Anspielungen oder gar direktes Namedropping. Vielmehr denke ich dann, dass da wohl jemand die ollen Kamellen fortschreiben und ihnen seinen  ganz eigenen Stempel aufdrücken will. Ich vermute eh, dass sich die Redaktionen einschlägiger Sender zu großen Teilen aus gescheiterten und/oder zynischen Geisteswissenschaftler*innen zusammensetzen. Aber ich sollte das lieber positiv wenden – womöglich haben die Kolleg*innen einfach erkannt, dass Serien und „Reality“-Shows DIE zeitgemäßen narrativen Formate sind.

Ein wenig über Mythen und Märchen im TV zu sinnieren, scheint mir daher eine Reihe wert.

Und das aus gegebenem Anlass: Vor kurzem feierte der Kölner Sender RTL das 10jährige Jubiläum seiner Kuppel-Show „Schwiegertochter gesucht“. Der strapaziöseste Stabreim-Strahl, der jemals aus dem Dickicht des deutschen Dämlich-Fernsehens hervorgeschossen ist. Die Sendung, die das guilty pleasure des Trash TV wie kaum eine andere zur selbstauferlegten guilty torture werden lässt. Es ist wie mit toten Tieren auf der Straße: grauenvoll, und doch kann man aus unerfindlichen (Ab-)Gründen nicht nicht hingucken.
Just in dieser Sendung blickte mir an den vergangenen drei Sonntagen eine altbekannte mythologische Figur leicht schielenden Auges entgegen – niemand Geringeres nämlich als Sisyphos.
Ihr wisst schon, der Typ, der die Götter ein ums andere Mal austrickst, bis er schließlich in der Unterwelt die Quittung dafür bekommt: bis in alle Ewigkeit muss er fortan einen schweren Felsblock einen Hügel hochrollen. Dieser kullert jedoch kurz vor dem Ziel immer wieder herunter, so dass das Spielchen von vorne losgehen kann.

Der TV-Sisyphos unserer Tage ist sozusagen eine Sisypha. Statt mit einem listenreichen, verschlagenen König haben wir es mit einer, nun, eher simpel gestrickten, grundaufrichtigen Person zu tun, die den bodenständigen deutschen Namen Beate trägt.
Wo Sisyphos sich wieder und wieder mit derselben Aufgabe plagt, die offensichtlich ebenso sinn- wie ziellos und von den Göttern als Strafe gedacht ist, verhält es sich bei Beate auf den ersten Blick vollkommen anders: Sie selbst hat sich aus freien Stücken an RTL gewandt, auf der Suche nach etwas, das für viele geradezu als Sinn des Lebens gilt: Beate möchte bei „Schwiegertochter gesucht“ endlich ihren Traumpartner finden. Für dieses hehre Ziel scheuen sie und ihre vermeintliche Helferin, die Moderatorin Vera Int-Veen, weder Kosten noch unkonventionelle Mühen.

In der Hoffnung auf den erlösenden Kuss macht sich Beate stets auf´s Neue zu ihrem jeweiligen potenziellen Traumprinzen auf oder lässt sich von der „moppeligen Moderatorin“ (O-Ton Int-Veen über sich selbst) erwartungsfrohe Frösche nach Hause liefern, wo sie mit ihnen bizarre Liebes-Castings veranstaltet. Da für die große Liebe kein Weg zu weit und kein Opfer zu schmerzhaft scheint, lässt sie sich in ferne Länder wie das „abenteuerliche Alaska“ oder das „bezaubernde Bali“ verschiffen, um dort „den Richtigen“ zu finden. Auch schreckt sie nicht vor geographisch näheren und doch für sie mindestens ebenso fremden Welten wie dem gynäkologischen Stuhl oder dem Hamburg Lilo Wanders´ zurück, wo sie auf etwas handfestere Weise „auf die Liebe vorbereitet“ werden soll. Sie lässt sich hofieren und umgarnen, zeigt aber auch selbst beachtlichen musischen Einsatz: Den Herren ihrer Gunst trägt sie mit Vorliebe „ihre Gedichte“ (abgedroschene Poesie-Albums-Verslein) vor oder trällert für selbige im Brautkleid, mit dem Walkman (!) in der Hand, dem Kopfhörer auf den Ohren und einem Prinzessinnen-Krönchen auf dem Kopf, Schlagerschnulzen.

So geht es nun schon seit Jahren. Und auch wenn es oft so wirkte, als hätte unsere tapfere Heldin endlich, endlich den passenden Deckel zu ihrem Topf gefunden, ja auch wenn bereits ein besonders engagierter Anwärter um ihre Hand angehalten hat, dürfen wir uns von alledem nicht täuschen lassen: Es wird ewig so weitergehen. Beate wird ebenso wenig ans Ziel ihrer Träume gelangen wie Sisyphos jemals den Felsbrocken endgültig den Berg hochgewälzt haben wird.

Denn Beate mag sich für eine Prinzessin in ihrem eigenen Märchen und das Team um Vera Int-Veen für ihren Hofstaat halten – in Wirklichkeit aber ist sie in einen ganz anderen Mythos hineingeraten. Im Namen des höchsten Gutes der „wahren Liebe“ ist sie zum bevorzugten Spielball der RTL-Götter geworden.

In der Figur der Sisypha Beate konzentriert sich und kulminiert, was die Sendung als Ganze das letzte Jahrzehnt über darstellt: Wie Anja Rützel in diesem großartigen Artikel schreibt, führt „Schwiegertochter gesucht“ das Romantik-Business unserer Tage in all seinen ausgelutschten Facetten als performativen Akt und absurdes Theater vor. Es handelt sich um eine Parodie auf die Balzrituale und den Liebeskitsch, der uns medial umgibt und den wir – meist eher daneben als gelungen – in unseren Alltags-Schmonzetten reinszenieren.

Es ist grandios. Nein, es wäre grandios und könnte ganz große Kunst sein, wenn es da nicht einen bedeutenden Haken gäbe. Ein dadaistischer Performance-Akt braucht Akteure, und genau das sind die Leutchen in „Schwiegertochter gesucht“ nicht wirklich. Eher schon Opfer, obwohl sie freiwillig mitmachen. Jedoch haben wir es nahezu ausnahmslos mit Menschen zu tun, die tatsächlich noch außerhalb des Spiegelkabinetts ironischer Brechungen leben. Sie nehmen die Sache ernst, wo RTL – und nicht zuletzt wir als Zuschauer*innen – sie veralbern und zu unserem Amüsement benutzen.
Das schlechte Gewissen der Zuguckenden ist dabei nicht weniger eingeplant als die Zurschaustellung der Teilnehmer*innen als Deppen, dessen bin ich mir ziemlich sicher. Auch wir werden uns vorgeführt, als armselige Vollpfosten, die sich zu ihrer Belustigung armselige Vollpfosten vorführen lassen.

Dreht man die Schraube ein bisschen weiter in diese Richtung, ist „Schwiegertochter gesucht“ vielleicht fast schon wieder pädagogisch. Mir jedenfalls ging es nicht selten beim Zuschauen so, dass ich letztendlich dachte: Warum um alles in der Welt soll jemand denn bitteschön nicht seine Freizeit mit Kratzbildern oder Zuckertütchen-Sammeln verbringen, wenn es ihm oder ihr doch aufrichtig Freude bereitet? Was ist so falsch daran, Schäferhund-Pullis zu tragen, weil sie einem einfach gefallen, oder sich nicht jedes einzelne Haar am Körper auszurupfen, weil man nicht permanent über die optimale Selbstdarstellung nachdenkt?
Ist nicht manches „Hobby“ der hipperen Gestalten unter uns wesentlich lächerlicher? Ist es nicht schon eher maximal bekloppt, Orte quasi nur noch zu besuchen und Speisen nur noch zu essen, um aufgemotzte Fotos von ihnen bei Facebook zu teilen? Um alles daran zu setzen, ein bestimmtes Ich-Image zu kreieren, dabei aber zu betonen, wie egal einem der Blick der anderen ist?

Bevor ich einen wichtigen Aspekt vergesse: Ein nicht unwesentlicher Grund für das Scheitern von Beates Flirt-Avancen ist „ihre liebe Mutter Irene“, die kaum von ihrer Seite weicht. So sehr sind „Beate und Irene“ im Innersten miteinander verbandelt, dass RTL ihnen im letzten Sommer eine eigene TV-Show gleichen Namens gewidmet hat.
An dieser Stelle gewinnt die neuaufgelegte Sisyphos-Story ein beinahe ödipales Moment: Beate mag die feste Absicht haben, einen Partner zu finden und sich somit ein Stück weit aus der engen Beziehung zu ihrer Mutter zu lösen. Aber was sie tut, um der mütterlichen Umklammerung zu entkommen, führt sie nie wirklich von dieser weg, sondern ganz im Gegenteil nur noch mehr zu ihr zurück. Die jahrelange gemeinsame Bräutigamschau beweist nur von Mal zu Mal eindrücklicher, dass der Mensch an Beates Seite kein Mann, sondern ihrer Mutter ist und bleibt.

So trottet unsere Sisypha weiterhin behäbig, aber unverdrossen von Flirt-Abenteuer zu Flirt-Abenteuer, von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen, und wird es auch morgen noch tun und übermorgen und überübermorgen…

Ob wir uns Beate trotz oder gar wegen dieser ganzen vergeblichen Turbulenzen als glücklichen Menschen vorstellen können?