Comic Tipp: Noelle Stevenson, „Nimona“

Profi-Fiesling Ballister Blackheart staunt nicht schlecht, als Nimona sich  ihm unaufgefordert als Assistenz-Bösewichtin präsentiert. Es könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein – wenn das Leben nicht um einiges verzwickter wäre. Auf jeden Fall aber ist es der Auftakt einer vielfach prämierten Graphic Novel von Noelle Stevenson, die den Namen ihrer (Anti-)Heldin als Titel trägt.

Man kann dem guten Ballister das erste Stutzigsein nicht ganz verdenken, ist Nimona doch allein schon optisch eher unkonventionell. Mit Strickpulli, kurzem Kleid, hohen Boots und ihrem Feather Cut wirkt sie punkig, wie eine Renee oder ein Riot Grrrl. Wenn sie nicht gerade wie ein Adler oder eine Katze ausschaut. Oder wie ein Drache. Denn Nimona gehört zur raren Spezies der Shapeshifter.

Diese Besonderheit hat ihr, wie sich im Laufe der auf einem Web Comic basierenden Graphic Novel herauskristallisiert, nicht gerade die besten Erfahrungen mit anderen Menschen beschert. Was wiederum dazu geführt hat, dass sie selbst im Umgang nicht ganz einfach ist. Ihr Charakter entspricht durchaus ihrem Äußeren: auffällig und eigenwillig, kratzbürstig und putzig zugleich. Es fällt schwer, sich nicht von ihrer begeisterten Energie anstecken zu lassen, auch wenn diese bisweilen mit desaströsem Ausgang in fragwürdige Bahnen gelenkt wird. Selten hat jemand so liebenswürdig überambitioniert die Menschheit vernichten wollen.

Nimonas vermeintlicher neuer Chef (aber wer übernimmt hier eigentlich wirklich die Hauptrolle und das Kommando?) Ballister Blackheart hat ebenfalls eine tragische Geschichte, zwischenmenschliche Enttäuschungen höchsten Grades inklusive. Und so hat auch ihm das Schicksal den Platz zugewiesen, an dem er sich nun befindet: denjenigen des Oberschurken von Amts wegen. Ein Posten, den er im Unterschied zu Nimona eher mit Pflichtbewusstsein als mit Enthusiasmus ausübt.

Als Counterpart steht dem kauzigen Duo die Agentur gegenüber, eine Institution, die scheinbar dem Wohl der Allgemeinheit dient, aber in Wirklichkeit hinter deren Rücken düstere Machenschaften treibt. Blackheart wie auch Nimona werden alles unternehmen, der Agentur dabei in die Quere zu kommen. Es fragt sich, wer nun auf der Seite des Guten und wer auf derjenigen des Bösen steht. Fraglich außerdem, ob Nimona Blackheart eher unterstützt oder hindert.

Apropos Gegenspieler. Vielleicht wundert ihr euch, wer wohl die dritte Person auf dem Buch-Cover sein mag. Ich persönlich habe stark darauf getippt, dass es sich bei dieser holden Maid mit der wallenden goldenen Mähne um Blackhearts Angebetete handeln und sich zwischen den beiden eine Romanze entspinnen wird.

Damit lag ich wohl etwas daneben. Denn die holde Maid hat sich zunächst einmal als holder Herr entpuppt. Merke: Auch wer sich mit Geschlechtervielfalt auseinandersetzt, ist vor stereotyper Wahrnehmung längst nicht immer gefeit. Alleine für diesen netten Selbstentlarvungs-Moment hat sich die Lektüre für mich doch gelohnt.
Dieser Herr hört auf den Namen Ambrosius Goldenloin (!) und ist seines Zeichens Blackhearts absoluter Erzfeind im Dienste der Agentur.
Gleichzeitig lag ich so daneben nun auch wieder nicht. Sagen wir einmal so: dass Erzfeinde in einem dialektischen Hodgepodge stark aufeinander bezogen, ja sogar angewiesen sein können, steht außer Frage. Da liegt es nicht so wahnsinnig fern, dieser engen Verstrickung noch einen etwas anderen Twist zu geben…

Da ich euch jetzt die nicht völlig originellen Grund-Ingredienzien verraten habe, meint ihr sicherlich die gesamte Story vorhersehen zu können.
Diese würde dann in etwa so verlaufen: Die beiden vermeintlich bösen Außenseiter mit harter Schale, aber zartschmelzendem Kern bekämpfen die Agentur. Bei diesem siegreich ausgefochtenen Kampf stellen sie sich als die eigentlich Guten heraus und finden in einer tiefen Freundschaft zueinander, die sie die Traumata der Vergangenheit überwinden lässt. Fortan leben beide als zufriedene, ausgeglichene Wesen. Obendrein vereinen sich noch Ballister Blackheart und Ambrosius Goldenloin dem Schicksal zum Trotz in romantischer Zweisamkeit. #Allyouneedislove #Happyend #Undwennsienichtgestorbensind…

Doch ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen, ganz so kommt es nicht, wenn auch nicht ganz nicht so. Will sagen, die Geschichte ist genauso wenig vorherhsehbar glatt gebügelt wie ihre Protagonistin. Auch wenn einem das ganz schön vor den mit ausgeleierten Schemata vollen Kopf stoßen kann – genau das macht die Stärke dieses  Bildermärchens aus.

Aber lest selbst… und denkt dran: Wie bereits die Buch-Rückseite total unplakativ verspricht, gibt es neben subversiv aufgebrochenen Story-Klischees und komplexer (Zwischen-)Menschlichkeit auch „NEMESES! DRAGONS! SCIENCE! SYMBOLISM!“

Noelle Stevenson, „Nimona“, 272 Seiten, 2015 erschienen bei Harper Collins.

Ausgezeichnet als Indies Choice Book of the Year * National Book Award Finalist * New York Times Bestseller * New York Times Notable Book * Kirkus Best Book * School Library Journal Best Book * Publishers Weekly Best Book * NPR Best Book * New York Public Library Best Book * Chicago Public Library Best Book.

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